Titel: 56. Biennale Venedig – All the World's Futures - Analyse · von Klaus Honnef · S. 88
Titel: 56. Biennale Venedig – All the World's Futures - Analyse , 2015

Salonkommunismus in Venedig

Karl Marx unter Künstlern

Von Klaus Honnef

Schon am Nachmittag rollten sie ihre roten Banner mit den weißen Lettern auf der Terrasse der Guggenheim Foundation am Canale Grande im sonnigen Venedig wieder ein. Die Jahre des künstlerischen Protests, die sogar die Eröffnung einer Biennale durchkreuzten und eine, überwiegend wieder revidierte Reform ihrer Organisation erzwangen (1968), sind vorbei. Dabei protestierten die „Aktivisten“ weder gegen die 56. Auflage der Biennale di Venezia noch gegen den Aufmarsch der Superyachten an der Punta della Dogana und der Riva degli Schiavoni. Sie forderten unter dem Motto „Meet The Workers“ lediglich dazu auf, die Würde der Arbeiter in den Golfstaaten, wo das Guggenheim einen Satelliten bauen lässt, zu respektieren. Ein Motiv, das auch in manchen Beiträgen der Biennale-Künstler anklingt. Bei Hans Haacke zum Beispiel, einem Veteranen des künstlerischen Protests, mit dem Appell, sich über eine Handy-App zu äußern.

Der künstlerische Protest ist längst museal geworden. Nicht nur, dass signifikante Werke der zentralen Biennale Ausstellung mit dem saloppen Kinotitel „All The World´s Futures“ aus den Sechziger- und Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts sowie aus Museumsbesitz stammen (darunter die prägnantesten) – der Protest der Künstler findet inzwischen weitgehend im Saale statt und eher auf der auditiven als der visuellen Ebene. Geredet wird in den Galerien der Giardini und der Arsenale unendlich viel. Jedenfalls mehr und lauter als auf dem Fischmarkt am Rialto. Mitunter überlagern sich die Stimmen wechselseitig und erzeugen bloß das redundante Rauschen, von dem damals, als wir die Medientheorie entdeckten, unaufhörlich die Rede war. Mit agitierender, eindringlicher, beschwörender,…

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