Titel: 56. Biennale Venedig – All the World's Futures - Analyse · von Michael Hübl · S. 94
Titel: 56. Biennale Venedig – All the World's Futures - Analyse , 2015

Ambivalente Angelegenheit

Knappe Anmerkungen zu den „Eventi Collaterali“

Von Michael Hübl

„Ambo‘ ist ein altes Wort, das es bis in die Gegenwart der Parkraumbewirtschaftung geschafft hat. In Italien haben Verkehrsschilder mitunter Zusatztafeln mit dem Hinweis, dass die hier proklamierte Regel für beide Straßenseiten gilt. Auf Italienisch: „ambo i lati“. Zwei Seiten haben oft auch die Kollateral-Events zu großen, auf hohen Publikumsumsatz angelegten Kulturinszenierungen. Sich ihnen anzuschließen ist attraktiv, weil ihr Branding an sich schon, unabhängig wie nachher die konkrete Bewertung ausfällt, erhöhte Wahrnehmung verspricht und wie eine Adelung verstanden wird. Genauso aber kann die Kollateralität das Gegenteil bewirken. Dann kommt sie einer Abwertung gleich: Man wird zwar mitgenommen, sitzt aber ganz hinten, engste Economy, Kaffee zum selber zahlen. So in etwa ist es Stephan Balkenhol ergangen, als er 2012 auf Einladung des Bistums Fulda während der dOCUMENTA (13) in der Kasseler Kirche Sankt Elisabeth ausstellte und in den Glockenturm die Skulptur eines Mannes mit ausgebreiteten Armen postierte, der auf einer vergoldeten Kugel steht.1 Dem Künstler wurde damals öffentlich unterstellt, er wolle doch nur, gleichsam eigenmächtig und unautorisiert, vom Renommee des internationalen Großereignisses zehren.

In Venedig sind Zusatzangebote Standard, eine Selbstverständlichkeit. Die einen nehmen die Biennale sozusagen als Ankermedium, andere betreiben eine Art Guerilla-Marketing. Wie Marco Biagini2. Der Künstler aus Florenz mit Affinität zu Starkfarbigkeit ließ im gleißenden Lagunenlicht eine nach islamischer Sitte ganzkörperverhüllte Frau eine stumme Stehperformance aufführen. Sie musste nicht weiter aktiv werden, denn ihre „High Visibility Burqa“ sorgte allein durch das grellgelbe Warnwestentextil, aus dem sie genäht war, für Aufsehen. Ein…

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