Titel: Choreografie der Gewalt , 2000

SVEN DRÜHL

Absenter versus präsenter Tod

1. Absenter Tod

„Aber nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes.“1

Doch gerade dieses von Hegel so sehr gepriesene Geistesleben, das dem Thema Tod so selbstbewusst trotzt, hat auch seine Schattenseiten. Kopfgeburten – angestoßen durch bildliche Nichtigkeiten und Versatzstücke. Vielfach bereitet just das Geist-Probleme, was man nicht sehen kann. Ganz gemäß dem Motto: Wird es dunkel, sieht man Gespenster, Untote, Getötete, etc. Schattenrisse verselbständigen sich und menschenleere Unorte fangen im Reich der Gedanken an, sich zu bevölkern. Das sogenannte Geistesleben im steten Kampf mit den verdrängten Ängsten. Horror im Kopf. Nicht umsonst wird besonders im visuell ausgerichtetsten aller Bereiche – im Kino – vielfach auf konkrete Abbildungen von Toten bzw. dem Akt der Tötung verzichtet. Das Grauen vollzieht sich dann allein in der Vorstellungswelt des Betrachters. Tausend Tode. Ungewollte Inspiration. Die menschlichen Sinne sind dabei nicht postmoderne „Agenten des Falschen“, sondern der Aufzeichnungsort für diejenigen Basisinformationen, die sich daraufhin autonom verdichten und Bilder vor dem geistigen Auge wachrufen, die unheilvoller kaum sein könnten. Jeder mobilisiert seine individuellen Angstfantasien. Tabuthemen wie Tod und Sterben sind prädestiniert, Ausgangspunkt solcher ungemütlichen Befragungen des Selbst zu sein.

Im Bereich der bildenden Kunst setzen mehr und mehr Künstler auf die Kraft der Auslassung, die Suggestivwirkung dessen, was ausdrücklich nicht zu sehen oder nur angedeutet ist. So manches in Kunstwerken verhandelte Grauen erschließt sich erst durch Zusatzinformationen. Bilder kippen vom vermeintlich stereotypen Abbild…

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