Monografie , 2000

MARTIN PESCH

Raumbilder – Bildräume

ZU DEN ARBEITEN VON JULIA ZIEGLER

Vor vielen Jahren verbrachte man die Stunden des Werkunterrichts damit, Nägel auf den Umrisslinien einer Raute oder eines fünfzackigen Sterns in Spanholzbretter zu schlagen. Dann bespannte man die genagelte Form mit unterschiedlich gefärbten Fäden. So entstanden dekorative Muster, man kann sie als Vorläufer computergenerierter 3D-Ästhetik betrachten. Aber auch als Staubfänger; kürzlich sah ich in einem Treppenhaus eines Hotels eine alte Fadenarbeit als schäbig gewordenen Wandschmuck. Kurz darauf im Fernsehen eine Dokumentation über das Himalaya-Land Bhutan: Buddhistische Mönche spannen ihre Mandalas aus Fäden.

Es gibt diese seltsamen Koinzidenzen, die innerhalb kurzer Zeiträume verstreute Dinge, manchmal auch fremde Worte und so gut wie vergessene Begebenheiten, wahrnehmen und ihre Ähnlichkeit bewusst werden lassen. Julia Zieglers Fadenarbeiten haben einerseits nichts und andererseits viel mit den profanen Fadenbrettern und den heiligen Meditationsbildern zu tun. Diese Spannung von „nichts“ und „viel“ bestimmt auch die Beziehungen einzelner Werkgruppen der Künstlerin. So disparat sie erscheinen, so eng sind sie doch miteinander verbunden.

Ziegler fängt 1994 an, Faden zu benutzen; „Engel“ heißt die erste Arbeit. Vom Fußboden bis zur Decke spannt sie farbige Nähseide so auf, dass ein Raum einer Galerie nicht mehr zu betreten ist. Die enge Bespannung hat die Funktion einer Wand, durch die man zwar blicken, aber nicht hindurchgehen kann. Ziegler thematisiert so nicht nur die Raumsituation der Galerie, in der diese Arbeit gezeigt wird. Aspekte, die mit dem gewählten Material und der Art und Weise seiner Anbringung zu tun haben, treten in den Vordergrund. In den Vordergrund treten –…

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