Titel: Choreografie der Gewalt · von Sven Drühl · S. 46
Titel: Choreografie der Gewalt , 2000

SVEN DRÜHL

Tanz mit dem Tod

Darstellungen des Todes haben eine lange Tradition, sie entstanden meist in der Absicht, dem unliebsamen Thema, das einem Großteil der Menschheit von jeher Angst macht, Herr zu werden. Es geht darum, das Grauen zu bannen, es zu benennen, zu visualisieren und somit kommunizierbar zu machen.

Die zugehörige Ikonografie hat dabei diverse Ausformungen und Veränderungen erfahren. In zahlreichen Beispielen aus dem Bereich der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts lassen sich motivische Elemente nachweisen, die bis ins Mittelalter und z.T. sogar bis in die Antike zurückzuverfolgen sind. Der Tod und der sogenannte Totentanz sind Bildsujets, die Künstler und Rezipienten seit dem Mittelalter gleichermaßen zu fesseln vermochten. Die Auseinandersetzung mit dem, was man nicht beherrschen oder besiegen kann, weder durch medizinischen Fortschritt, noch durch philosophisches Transzendieren oder geistige Versenkung, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der bildenden Kunst. Den Tod gab es immer und es wird ihn immer geben, er befragt in direkter Weise unsere vermeintlich unhinterfragbare Realität und ist somit prädestiniert, eines der wenigen überzeitlichen, grenzen- und kulturenübergreifenden Themen zu sein. Todesdarstellungen und künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Tod sind so zahlreich, dass sie ein eigenständiges Genre bilden.

Es stellt sich nun die Frage, wie Künstler unserer Zeit mit einem solchermaßen aufgeladenen Thema umgehen, zu dem – wie man meinen könnte – aufgrund der unzähligen Bearbeitungen schon längst alles gesagt ist? Gibt es tatsächlich noch neue Ansätze bzw. Neuformulierungen oder bewegt sich die gegenwärtige Kunstproduktion in den gewohnten Bahnen, d.h. ist in der aktuellen Auseinandersetzung nur motivisches Allgemeingut…

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