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Ausstellungen: Berlin · von Hermann Pfütze · S. 309 - 310
Ausstellungen: Berlin , 2000

Hermann Pfütze
Jeff Koons: Easyfun – Ethereal

Deutsche Guggenheim Berlin, 27.10.2000 – 14.1.2001

Kitsch interessiere ihn nicht, sagt Jeff Koons. Das ist verständlich, denn seine Auftritte und Bilder sind ziemlich kitschig, und Kitsch lebt davon, sich nicht all zu sehr für sich selbst zu interessieren, sonst würde er ungenießbar. Selbstkritischer Kitsch, das wäre wie schlechte Laune und Appetitverderben. Koons jedoch sorgt sich um die leibhaftige „innere Sicherheit“ des Publikums: um leckere Verpackung, reibungslosen Konsum und restlose Bekömmlichkeit seiner Kunst. Die Spannung, das gewisse Misstrauen zwischen Werbung und Konsum, ist bei Koons außer Kraft gesetzt. Die Reklame verspricht „Genuss ohne Reue“ und der Kunde sagt sich: Wem schlecht wird, der ist selber schuld. Damit ist noch ein doppelter Anspruch formuliert: an die Qualität der Genussmittel und an die Kunst des Genießens. Koons entlastet von beiden: Alles soll allen schmecken. Das ist die Maxime des Massenkonsums und der Totalversorgung ohne kritisches Aufstoßen.

Kunst hin, Kitsch her – was aber Roy Lichtenstein zu seinen neuen Bildern gesagt hätte, würde Jeff Koons doch gerne wissen. Denn die Pop-Art hat sich stets für Kitsch interessiert; er ist, wie Reklame, Second-Hand-Malerei und Massengeschmack, eines ihrer Lebenselixiere. Freilich ist das Interesse der Pop-Art am Kitsch künstlerisch, während Koons‘ Desinteresse außerkünstlerisch motiviert ist – nämlich ökonomisch, spaßereignismäßig und vielleicht kindlich. Etwas schematisierend kann gesagt werden, dass die Pop-Art in dem Maß vom Kitsch ihrer Vorlagen und Themen sich entfernt, wie sie ästhetisch an ihnen interessiert ist. Warhol und Lichtenstein, die beiden Meister der Pop-Art, verarbeiten und formalisieren die kitschigen Elemente eines Sonnenuntergangs oder eines Liz-Taylor-Lächelns bis zur Entrückung. D.h.: Das Kitschige wird, von der Vorlage über die malerische und technische Verarbeitung bis in die Einbildung des Betrachters, ästhetisch reflektiert und verwandelt, während bei drittklassigen Pop-Malern wie Jeff Koons, James Rosenquist oder Mel Ramos das Kitschige gewissermaßen roh zum unmittelbaren Verzehr aufgedrängt wird. (Dazwischen rangiert die breite zweite Klasse der amerikanischen Pop-Art, um Claes Oldenburg, Robert Rauschenberg und Tom Wesselmann.)

Was aber ist zu sehen, was ist Koons‘ Angebot der Saison auf diesen sieben, etwa drei mal vier Meter großen, mit Hilfe von Computer-Malprogrammen komponierten Ölbildern, die er als Auftragsarbeiten für die Deutsche Guggenheim Stiftung Berlin hergestellt hat?

Ein Bild heißt „Niagara“: Vier Paar Frauenfüße baumeln über Zucker- und Schokogusszeug vor der Folie der südseemäßig entschärften Niagarafälle. Alles lieb, sauber, süß; selbst die Niagarafälle werden bei Koons zum Swimmingpool. Ein anderes Bild heißt „Sandwiches“ und wird bevölkert von Schinkenwurstscheiben mit Smiley-Face. Ein Sandwich guckt wie das Krümelmonster aus der Sesamstraße, nur knackt und krümelt hier nichts mehr, sondern matscht und kleckert es nur, wegwischfertig sozusagen. Alles ist ‚gesoftet‘ – solch Disney- und Reklame-Denglish drängt sich unwillkürlich auf vor diesen Bildern.

„Lips“ wird beherrscht von zwei knalligen roten Plastikmündern, garniert mit Erdbeere und Orangenschnitz sowie einem Reigen Goldmaiskörner, die an herausgefallene Kinder- oder Milchzähne erinnern. Auch hier ist die Botschaft evident: zahnlos, weich und glubschig soll der Kunde geküsst und gefüttert werden.

Auf dem „Grotto“-Tableau baumeln blonde Gretchenzöpfe vor einer Grotten-Kitschfolie mit pseudo-römischen Tropfsteintorsi, und in einer Rosenquist-Spirale turnen drei Zuckerkringel durchs Bild. Etwas bissiger ist „Blue Poles“: Vor einer Legoland-Achterbahn im Hintergrund tummeln sich vier in flauschige Halloween-Kostüme verkleidete Kinder mit riesigen runden Cookie-Mäulern. Davor, in der Position des Betrachters, kann man sich die Mütter dieser niedlichen Monster und ihre kreischend-entzückten Rufe vorstellen.

Dann gibt es noch „Mountains“ und „Hair with Cheese“. Auf ersterem ist ein riesiger, angebissener Schoko-Kokos-Riegel in ein Sand-, Wellen- und Stranddekor kopiert. Verglichen mit aktuellen Werbeclips für Eis oder Milchschnitten ist dieses Stück recht abgehangen. „Hair with Cheese“ ist dagegen fast eklig. Fettige, lila und gelbe Kunsthaar-Perücken sind über Stümpfe aus pseudoschweizer Schmelzkäse gestülpt, darunter ein breiter Schimmerglanzlippenmund. – ‚Stümpfe‘ und ’stülpen‘ sind indes hier viel zu sinnliche Worte. Es ist Plastikkäse, der an jene mit der Hygienefolie verschmolzenen Scheibletten aus der Hawaiitoast-Zeit erinnert.

Alles Harte, Sperrige, Widerständige wird vermieden, kaschiert oder weichgemacht und so dem pseudo-kindlichen Bedürfnis angepasst, zahnlos-passiv gefüttert und getätschelt, süß und bunt vollgestopft zu werden. Hart und gnadenlos ist nur Koons‘ Monumentalismus. Wer solche Repro-Tableaus der Süßmatsch-Regression macht oder kauft, muss voller Ängste sein, nämlich sich ängstigen vor dem Erwachsenwerden und vor der monströsen Fremderfahrung seiner selbst als Easyfun- und Softfood-Süchtigem. Denn es ist offenbar eine Sucht, die Jeff Koons zugleich füttert und ausbeutet. Hier werden nicht kindliche Träume und Wünsche artikuliert, wie der Auftraggeber meint, sondern die sogenannten oralen Bedürfnisse werden permanent gereizt und überwältigt. Ein Glück, dass die Augen mitessen und der Betrachter sich abwenden kann. Man muss diese Bilder nicht gesehen haben. Das ist für den Künstler das Schöne an so einem problematischen Riesenauftrag: Auch er muss sich nicht mehr um die Bilder kümmern. Soll Guggenheim sehen, wohin damit.

Die Grafiker und Designer der Kellog-Verpackungen, der Schokoriegel- und Lipgloss-Werbung wissen vielleicht um den Zusammenhang von oraler Regression und Passivität, von Gefüttertwerden und „innerer Sicherheit“. Jeff Koons jedoch muss die psychoanalytisch naheliegenden Assoziationen zu seinen Bildern so wenig wissen wie die Konsumenten, deren Genuss und “ davon nur gestört würde. Aus Sorge, die Konsumenten zu überfordern, unterfordert Koons das Kunstpublikum. Allerdings sind viele Kunst- und Zuckerzeug-Konsumenten sich einig darin, dass immer Nachschub da sein muss. Auch in der Kunst darf nie der Eindruck von Knappheit entstehen. Lieber Überdruss statt Mangel leiden, lieber zu viel als zu wenig. Insofern haben Koons‘ Auftraggeber von der Deutschen Bank und vom Guggenheim Museum jetzt einen schönen Vorrat an Pop-Kitsch, zum Allegucken bis zur nächsten Party.

Kuratoren: Lisa Dennison und Robert Rosenblum, Solomon R.Guggenheim Museum, N.Y.

Katalog in Deutsch oder Englisch.