Gespräche mit Künstlern · von Doris von Drathen · S. 268
Gespräche mit Künstlern , 2000

SHIRAZEH HOUSHIARY:

»Ich benutze Gesänge, um herauszufinden, was das Wesen meines Atems ist«

EIN GESPRÄCH VON DORIS VON DRATHEN

Als ich in ihr Atelier kam, sagte sie mir als erstes und mit einer gewissen Aggressivität, so wie jemand, der einen allerheiligsten Schatz verteidigt – Don’t think, I’m doing art, I’m not doing art. Erst nachher im Gespräch wird sich herausstellen, was für Shirazeh Houshiary, die als emigrierte Iranerin in London lebt, Kunst ist, und warum es ihr wichtig ist, den landläufigen Begriff, der inzwischen von allen Seiten, Architektur, Design, Mode, strapaziert wird, erst einmal für sich abzulehnen. Aber in den ersten Augenblicken, in denen ich mich im Atelier umschaue, ist mir sehr schnell deutlich, dass sich hier nicht nur eine andere Künstlerwelt auftut, sondern eine grundsätzlich andere Wahrnehmung gefordert ist. Weiße Leinwände in verschiedenen Formaten. Erst als mein Bewusstsein sich verlangsamt, fange ich an, in Ruhe etwas anderes aufzunehmen – nämlich ein Vibrieren auf der Leinwand, eine visuelle Schwingung, die mich aber stark bewegt und unerklärlich erfrischt.

Die neuesten Bilder von Shirazeh Houshiary sind photographisch nicht reproduzierbar – denn viel mehr Sinne und viel mehr Seismographen außerhalb der Sinne als nur die Augen erfassen das Leben auf diesen Leinwänden, oder zwischen den Leinwänden und dem Betrachter. Im Laufe ihrer Arbeit von ihren Skulpturen, in denen sie sich, sehr verkürzt gesagt, einem der zentralen Prinzipien der islamischen Mystik, dem barzakh, jenem Zwischenraum, der trennt und zur Einheit strebt, gewidmet hat, oder dann in ihren Bildern, die von geschriebenen Sufi-Versen ausgehen, sucht Houshiary eigentlich immer dasselbe,…

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