Titel: Choreografie der Gewalt , 2000

ALEXANDER BRAUN

Invisible Republic –
Das andere unheimliche Amerika

Ein Blick zurück auf die Kunst der 80er Jahre zeigt das Bild einer uneindeutigen, zerrissenen Kunstlandschaft: So hedonistisch die Dekade beginnt, so düster endet sie. Robert Gober beschreibt 1989 in einem Artikel die Befindlichkeit der New Yorker Kunstszene in beunruhigender Weise: „For me, death has temporarily overtoken life in New York City. And most of the artists I know are fumbling for ways to express this.“1 Die Immunschwächekrankheit Aids erschüttert die Kulturschaffenden nachhaltig, sind diese doch im Vergleich zu anderen Berufsgruppen in besonderer Weise betroffen. Während sich die Auseinandersetzung mit dieser unerwarteten Revision der westlichen High-Tech-Gesellschaften in Europa moderater, weil sozial abgefederter vollzieht, prallen in den USA die alten Gegner unversöhnt und in voller Härte aufeinander: Konservatismus und Liberalismus, Puritanismus und Libido, der (unterentwickelte) Sozialstaat auf die darwinistische Ideologie der Auslese. Die Auseinandersetzung mit dem Tod in der internationalen Kunst der späten 80er und frühen 90er Jahre trägt zweifellos amerikanische Züge. Und: Diese Auseinandersetzung verschafft sich nicht nur in den traditionell sozial- und gesellschaftsorientierten Bereichen der Kultur Raum, sondern auch in jenen Kreisen, in denen Kunstwerke in gediegenem Ambiente an eine Klientel veräußert werden, die das Thema Tod an sich nicht gerne rezipiert – und schon gar nicht im Kontext von Blut, Kot und Sperma.

Während die amerikanische Off-Kunst-Szene (Künstlergruppen wie „Gran Fury“, oder „Group Material“) das Thema vornehmlich als Gesellschaftskritik formuliert und auf die konkrete Verbesserung der Lebens- und Sterbebedingungen der Betroffenen zielt – verbunden mit einer Kampfansage an die Moral der bürgerlichen…

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von Alexander Braun

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