Titel: Choreografie der Gewalt · von Jeannine Schwemer · S. 174
Titel: Choreografie der Gewalt , 2000

JEANNINE SCHWEMER

Kino der Explosionen

1. Attraktion versus Erzählung

Seitdem es Kino gibt, explodiert die Leinwand. Mit zum ersten mal wohl in dem Film „Explosion of a Motor Car“ von 1900. Ein Auto, ein Knall – das ist alles. Filme wie dieser wurden in Varietés oder auf Jahrmärkten gezeigt. Das frühe Kino war ein ‚Kino der Attraktionen‘: Anstatt eine Geschichte zu erzählen, präsentierten die kurzen Filme spektakuläre Ereignisse, Sensationen. Spektakulär für das zeitgenössische Publikum ist dabei nicht nur das Motiv selbst. Schon die Bewegung an sich, das technische Potential des neuen Mediums, ist faszinierend. Während nämlich abgebildete Objekte nicht wirklich anwesend sind, erscheinen Bewegungen unabhängig von einem solchen Abbildungsverhältnis wirklich auf der Leinwand – ähnlich wie Töne unabhängig von ihrer Quelle tatsächlich klingen. Deshalb ist mit Siegfried Kracauer davon auszugehen, dass „Filmbilder ungleich anderen Arten von Bildern vorwiegend die Sinne des Zuschauers affizieren und ihn so physiologisch beanspruchen, bevor er in der Lage ist, seinen Intellekt einzusetzen.“1 Kulturkonservative Gegner des frühen Kinos beklagten damals die ‚Atemlosigkeit‘ des Tempos, die induzierte sinnliche Erregung, Nervosität und Zerstreutheit, oder das ‚Kind-Werden‘ der Zuschauer. Avantgardistisch orientierte Künstler und Theoretiker dagegen begrüßten den Film als anti-bürgerliches, massenkulturelles Medium euphorisch. Walter Serner oder Walter Benjamin, Sergej M. Eisenstein oder Filippo Tommaso Marinetti: Sie interessierten sich für die neuen, technisch herstellbaren ästhetischen Effekte, die direkt auf Körper und Sinne wirken und dabei die bildungsbürgerliche Rezeptionsform auflösen.

Das sogenannte ‚klassische‘ Hollywood-Kino jedoch dissimuliert die technisch-materielle Grundlage des Mediums hinter einer scheinbar natürlichen, tatsächlich aber auf Konventionen beruhenden Ästhetik, die ganz im Dienst…

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