Titel: Choreografie der Gewalt · von Anne von der Heiden · S. 117
Titel: Choreografie der Gewalt , 2000

ANNE VON DER HEIDEN

Von dem, was der Fall ist:
CASE HISTORY von Boris Michailov

Das Opfer ist der Überschuß, der aus der Masse des nützlichen Reichtums gezogen wird“, schreibt Georges Bataille in seinem Werk „Der verfemte Teil“1. „Er kann ihm nur entnommen werden, damit es profitlos verzehrt, d.h. für immer zerstört wird. Sobald es erwähnt ist, ist es der verfemte Teil, der für die gewaltsame Verzehrung bestimmt ist. Aber die Verfemung entzieht es der Dinglichkeit; sie macht seine Gestalt erkennbar, die von nun an die Intimität, die Angst und die Tiefe der lebenden Wesen ausstrahlt.“2

Der ukrainische Künstler Boris Michailov vollzieht in seiner jüngsten im Scalo-Verlag erschienenen Arbeit „Case History“, was soviel wie Anamnese, Vorgeschichte, Krankengeschichte, Fall bedeutet, aber auch für „Erfahrungsbericht“ stehen kann3, genau diesen Schritt. „Case History“ zeigt schonungslos die Opfer der Gesellschaft und der wirtschaftlichen Situation, erweckt den verfemten Teil, an dem immer vorbeigeschaut wird, zum Leben. Michailovs Buch handelt von Obdachlosigkeit, Armut, Sexualität, Krankheit und Tod. Sein Werk thematisiert die Koinzidenz von Tod, Gewalt und Lust, was seine Kritiker dazu veranlasst, angewidert von seiner Kunst als einer „Ekel-Todes-Lebens-Kunst“4 zu sprechen. Es handele sich um eine „Vision […] einer zivilisatorischen Düsternis, die nur von den Blitzen einer glückhaften Sexualität durchzuckt wird“5. Der Schock, der von der künstlerischen Darstellung des Nicht-Wahrgenommenen ausgeht, wird in die Stigmatisierung des Künstlersubjektes überführt. Der Künstler sei ein „Apokalyptiker“, der sein „permanent anwesendes, panisches Seinsgefühl“6 ausdrücken müsse und sich am Katastrophischen weide. Und nicht nur das. Der Schock, den die Betrachter der Bilder von…

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