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Nachrichtenforum: Aktionen, Pläne & Projekte · von Jürgen Raap · S. 408
Nachrichtenforum: Aktionen, Pläne & Projekte , 2003

HEIDE-BILDER

„Grün ist die Heide…“ Die Landschaft der Heidschnucken und des Erika-Krautes gilt als Inbegriff deutscher Gemüthaftigkeit. Sie erfuhr eine entsprechende Verkitschung in der Volksmusik und in der Postkartenfotografie. Die Schweizer Künstler Hendrijke Kühne und Beat Klein unternahmen mehrere „Arbeitsaufenthalte“ in der Heide-Region zwischen Hamburg, Bremen und Hannover. Bei ihren Recherchen interessierten sie sich dafür, wie die Bilder von solch einer Landschaft alltagskulturell verwertet werden: In den Prospekten der Fremdenverkehrsämter und auf Ansichtskarten wird immer eine typisch „touristische Perspektive“ betont. Das bedeutet in der Regel Beschönigung. Wie setzen sich solche manipulierten Bilder dann im Alltagsbewusstsein fest? Wer sich als Kind für Sammelbilder aus der Haferflocken-Tüte begeisterte, der wird sich auch am „Kühne/Klein Sticker Hohe Heide Sammelheft“ erfreuen, das die aktuelle Dokumentationsausstellung im Kunstverein Springhornhof in Neuenkirchen/Soltau begleitet (bis 25. Oktober 2003).

BORIS-NIESLONY-FILM

Der Kölner Performance-Künstler Boris Nieslony hat seine „realen Träume“ als „filmisches Psychogramm“ visualisiert. Der Film „MA“ spielt entlang einer „Songlinie“ zwischen Pohori na Sumave (Tschechien) und Hallstadt (Oberösterreich). Auf dieser Strecke findet eine „Reise zwischen Traum und Realität und zwischen Leben und Tod“ statt (Pressetext). Nieslonys „minimalistische und obszessive Aktionen“ werden von der Musik des Linzer Komponisten Thomas Reinhart und von der Stimme des Wiener Schauspielers Otto David begleitet. Das Projekt entstand in Kooperation mit Gerald Harringer und der Linzer Künstlergruppe „Die Fabrikanten“.

URBANE STRATEGIEN

In München organisierten die „kunstprojekte-riem“, das Goethe-Forum und das Bauzentrum ein dreitägiges Symposion „Urbane Strategien – Kunst für neue Stadtgebiete“. Vom 17. bis 19. Oktober 2003 diskutierten Künstler, Architekten, Stadt- und Landschaftsplaner sowie Kunstvermittler über „Chancen, Strategien und Grenzen von Kunst in Planungsprozessen…“ Im Zentrum der Veranstaltung standen „die Möglichkeiten, mit verschiedenen künstlerischen Ansätzen einen Beitrag zur Entwicklung eines Ortes und neuen Gemeinwesens zu leisten“. Infos: www.kunstprojekte-riem.de.

TEXT-KUNST

95 % aller bildenden Künstler in Deutschland können nicht von ihrer Malerei oder Bildhauerei leben und müssen sich nach anderen Erwerbsmöglichkeiten umsehen. Der Düsseldorfer Graubner-Schüler Klaus Sievers hat sich auf Text-Kunst spezialisiert, die er auf Buttons und T-Shirts vertreibt.

MÜNCHEN: BASKET

Auf dem Museumsplatz vor dem Münchener Lenbachhaus dürfen Künstler seit kurzem temporäre Installationen realisieren. Das dritte Projekt trägt den Titel „Basket #6“ und wurde von dem Künstlerduo Wolfgang Winter/Berthold Hörbelt konzipiert. Die beiden laden bis zum Dezember 2003 die Passanten zum Betreten eines zweistöckigen Pavillons ein, der aus labyrinthartig angelegten Gitterrosten besteht. Infos: www.lenbachhaus.de.

MÜNCHEN: SOLAR-RAUM

1993 gründeten Nora und Jürgen Claus das „SolArt Global Network“ zur weltweiten Vernetzung von Künstlern, die mit Solarkunst arbeiten. Jetzt hat Claus in München-Neuhausen in der Lachnerstr. 3 einen „RaumSolar“ eröffnet, der als Atelier, Seminarraum und Ausstellungsmöglichkeit dient. Schwerpunktmäßig umfasst das Ausstellungsprogramm die Solar-Installationen, die Jürgen Claus seit den achtziger Jahren entwickelt hat. Als Kunstwerke zielen sie auf einen zweckfreien „Erlebnischarakter“, während das solare Design eine konkrete Nutzanwendung im Rahmen architektonischer Entwürfe bietet.

EIS-BIBLIOTHEK

Fünfzehn Monate lang harren die Wissenschaftler in der Forschungsstation Niemeyer aus, bis ein Schiff ein neues Team als Ablösung in die antarktische Polarregion bringt. Der Kölner Künstler Lutz Fritsch bat Künstlerkollegen und Prominente um Bücher für eine Bibliothek im ewigen Eis, welche die Forscher in ihrer Freizeit nach Meinung der Spender unbedingt lesen sollten. In diesen Wochen ist die Bibliothek in einem Spezialcontainer unterwegs in Richtung Südpol. Zur Jahreswende wird das Schiff „Polarstern“ die Antarktis erreichen. Der Büchercontainer wird zunächst an der Eiskante zwischengelagert, bevor Lutz Fritsch ihn dann Ende 2004 direkt an der Forschungsstation installieren wird.

KÖLN: LANDEPLATZ

In Köln sind aus finanziellen Gründen die Bauarbeiten für eine neue Kunsthalle am Neumarkt seit Monaten unterbrochen. Wo längst schon die Fundamente hätten gesetzt werden sollen, existiert bislang nur ein leeres Bauloch. Angehörige der Kölner Kunstprominenz (darunter Kasper König) haben den Verein „Das Loch e.V.“ gegründet, der mit rheinischem Unernst die Bauposse künstlerisch begleitet. Unlängst realisierte der Verein eine Idee des Schweizer Künstlers Res Ingold, als er einen Hubschrauber-Landeplatz in der Baugrube eröffnete: „Der Investors Heliport Köln ( IHK ) ist als Landeplatz für potenzielle Sponsoren und Investoren vorgesehen, die sich so ein Bild von der Situation vor Ort und innerhalb der Stadt verschaffen können.“

BACKJUMPS

Vom 23. August bis zum 5. Oktober 2003 fand in Berlin die Ausstellung „Backjumps -The Live Issue“ statt. Sie zeigte eine Bestandsaufnahme der „internationalen Facetten von Street Art, Aerosol-Kultur und Hip Hop“. Eine Ausstellung über Street Art in dieser Größenordnung hatte es in Europa bislang nicht gegeben. Das Projekt sollte „einen Prozess einleiten und dokumentieren: Die Suche nach neuen Formaten und Medien, um die Kommunikation in der Szene und über die Szene hinaus voranzutreiben und zu vernetzen.“ Auszug aus der Künstlerliste: Akay & Adams, Bob’s your uncle, Jeroen Jongleen, Maurer United Architects, Delta INC, Brad Downey & Darius Jones, Nomad & Miss Riel, freaks gallery und Straight up.

ARTIS VIA

„Europa ist ein Prozess…“ Zwar versuchen die Brüsseler EU-Bürokraten, von Lissabon bis Helsinki einheitlich genormte Toilettendeckel durchzusetzen, doch „das neue Europa kommt nicht von oben“. Ein geistiges Zusammenwachsen lässt sich nicht per Gesetz verordnen.
Das Projekt „Artis Via“ will deswegen das „Kommunikationspotenzial“ von „Kunst und Kultur“ nutzen, um die „Notwendigkeit und Unumkehrbarkeit eines solchen Zusammenwachsens“ zu vermitteln. Ein erstes Projektstadium realisierten die Initiatoren Hanni Goldhardt und Matthias Schlüter soeben im Oktober 2003 unter dem Titel „Licht Raum Europa“ in Ingolstadt. 33 internationale Künstler zeigten in der Historischen Reithalle Klenzepark Lichtinstallationen, Videos, Filme und Malerei. Weitere Aktionen mit Künstlern aus verschiedenen europäischen Ländern sollen folgen.

BERLIN: URBAN DRIFT

Seit 1996 organisiert Francesca Ferguson Veranstaltungen „zur zeitgenössischen urbanen Praxis“ unter dem Titel „urban drift“. Aus dieser Initiative ging nun ein gleichnamiger Verein hervor, und seit September 2003 hat „urban drift“ auch einen Projektraum in der Budapester Str. 48. Hier finden Ausstellungen zur Architektur, zum Design und zu aktuellen Stadtentwicklungsthemen statt. Bei diesen Projekten pflegen die Berliner Initiatoren einen engen Austausch mit Architekten und Designern in Moskau, Helsinki und Athen. Bis zum 21. Dezember 2003 läuft die Ausstellungs-Trilogie „Transformers“ mit dem Schwerpunkt „UFO Belgrad“: Die serbische Hauptstadt weist eine „ungeplante, teils anarchische Stadtentwicklung“ mit einer „einzigartigen hybriden Architektur“ auf.

BALDACHIN

Eine Lincoln-Stretchlimousine kann sich heutzutage jeder beim Autoverleih besorgen, wenn er sich mal wichtig fühlen möchte. Wahre Wertschätzung erfährt jedoch nur derjenige, den man in der Sänfte durch die Gegend trägt oder den man bei einer Prozession mit einem mobilen Baldachin vor der Witterung schützt. Die Künstlerin Sylvie Boisseau hatte kürzlich in der Carl-August-Allee von Weimar einen Baldachin aufgestellt. Wenn man die Fläche unter diesem Baldachin von vorne („Privat“) betrat, als ob man gerade mit besagter Stretch-Limousine vorgefahren sei, konnte man sich nicht nur „wichtig fühlen“, sondern wurde „auch als wichtig wahrgenommen“. Ein Betreten von der Seite („Öffentlich“) hingegen suggerierte eher soziale „Unwichtigkeit“. Nach ähnlichem Prinzip funktionierten früher in den Residenzen das repräsentative Portal und der Dienstboteneingang an der Seite.

WEGWERF-KUNST

Manche werfen sprichwörtlicherweise Perlen vor die Säue. Statt Perlen kann man aber auch Kunst nehmen, dachten sich die beiden Berliner Künstler Petrus Akkordeon und Georg Kakelbeck. Das Duo wirft in diesen Wochen munter seine Kunst auf die Straßen Berlins, und zwar in Form von braunen Briefumschlägen, die Originaldrucke, Fotografien, Zeichnungen und ein Gedicht enthalten. Damit die Passanten nicht achtlos an diesen Kunstjuwelen vorbeihasten und die weggeworfenen Werke letztlich nur zu ärgerlicher Mehrarbeit bei den Straßenfegern führen, ist jeder Umschlag „durch einen Aufkleber und Stempel deutlich als Kunstbrief zu erkennen.“

DÜSSELDORF: BERGER-KIRCHE

Tobias Rehberger, Bildhauer mit Professur in Frankfurt, hat soeben die Neugestaltung der protestantischen Bergerkirche in der Düsseldorfer Altstadt vollendet. Dazu stand ihm Gemeindepfarrer Nolting mit einer ungewöhnlichen liturgischen Maßnahme zur Seite: Der Pastor ließ das Kruzifix und die Kanzel entfernen.
Der Altar ist nun aus Plexiglas, und für die religiöse Erbauung sorgt Medienkunst: Ein Computerprogramm sendet die Gebete und Musik aus drei anderen Düsseldorfer Kirchen als Lichtsignale zu diesem neuen Altar.

STUHL-PERFORMANCE

Angie Hiesl bringt an Fassaden in fünf Metern Höhe einen weißen Stuhl an und lädt Passanten „zwischen sechzig und achtzig Jahren“ ein, eine halbe Stunde lang dort in luftiger Höhe auszuharren KUNSTFORUM berichtete). Die Akteure führen in diesen 30 Minuten „ganz alltägliche inszenierte Handlungen“ durch – der eine musiziert, der andere putzt Gemüse. Derzeit tourt die Kölner Performerin auf Einladung des Goethe-Instituts mit ihrem Projekt „x-mal Mensch Stuhl“ drei Monate lang durch Argentinien, Brasilien und Peru.

NACH HAUSE

„Kommen Sie nach Hause“ nennt sich eine Wanderausstellung der Kölner Künstlerin Steff Adams. Sie bat rund 80 Kollegen um „Nebenprodukte“ ihres Schaffens, die man im Atelier normalerweise in der Schublade lässt und nicht in Museen oder Galerien ausstellt. U.a. stellten Judith Samen, Katja Stuke, Susanne Brügger, Siglinde Kallnbach, Jürgen Klauke, Sven Drühl, Federic Lezmi, Achim Mohné, Ralph Bageritz und Jürgen Paas Arbeiten zur Verfügung. Die Ausstellung ist ausschließlich in Privatwohnungen zu sehen. Bisherige Stationen waren Köln, New York, Madrid, Porto Alegre/Brasilien, Tokyo und Amsterdam. Anfang Oktober 2003 präsentierte die Künstlerin die Arbeiten noch einmal in veränderter Zusammenstellung in ihrer Kölner Privatwohnung.

KÖLN: DRITTES UFER

„Autos fahren über die Köpfe der Menschen, die über das Wasser gehen“: So lässt sich die Situation im Hohlraum unter der Fahrbahn der Deutzer Rheinbrücke beschreiben. Während der ART COLOGNE-Tage nutzen Künstler diesen Hohlraum zu Installationen unter dem Titel „Drittes Ufer“ (25. Oktober bis 2. November 2003, tägl. 15-21 Uhr). Sie wollen mit ihren Beiträgen „Erfahrungen mit dem Verborgenen und dem Unbekannten“ thematisieren. Die Messebesucher können direkt von der rechten Rheinseite aus (Von-Gablenz-Str.) den Zugang betreten. Zu diesem Projekt moderiert Uta M. Reindl im Kölner Presseclub (Frankenwerft 27) am 27. Oktober 2003 um 20 Uhr eine Podiumsdiskussion „Wem gehört die Kunst“ mit Deva Wolfram (Künstlerin), Prof. Peter Gerlach (Kunsthistoriker), Dr. Wilfried Gellner (Kulturamt Köln) sowie den Kommunikationswissenschaftlern Tatjana Pawlowski M.A. und Prof. Jens Loenhoff.
Künstlerliste: Verena Kyselka (Video), Inge Kamps/Paulo C. Chagas (Video), Deva Wolfram (Malerei/Botanik), Brigitte Burgmer (Holografie), Kurt Ebbers (Black Boxes) und Rainer Plum (Lichtkunst).

KÖLN: SILBENSAMMLER

Wie früher die Lumpensammler, so fährt in diesen Wochen der Kölner Künstler Thomas Behrend mit einem Holzkarren durch die Stadt. Er ruft jedoch nicht laut „Lumpen, Eisen, Papier“ durch die Straßen, sondern betätigt sich als „Silbensammler“. In seinem umgebauten Bettkasten auf Rädern sammelt er nämlich kurze Gedichte ein, die ihm die Kölner auf einen Zettel schreiben. „Aus Silben werden Worte…“ Später überträgt er die Texte auf sechzig Fahnen, die zum Jahreswechsel auf der Deutzer Brücke flattern.
Konzeptuell schlägt Behrend mit seiner Aktion einen Bogen von den traditionellen Gebetsfahnen zur „Sozialen Plastik“ von Joseph Beuys. Mit der Brückenbeflaggung und einer zeitgleichen Ausstellung mit 28 Kölner Künstlern im Hohlraum der Deutzer Brücke findet das „Projekt Z Null“ nunmehr seinen Abschluss. Seit 1991 hat Thomas Behrend zu jedem Jahreswechsel eine Ausstellung „Zwischen den Jahrtausenden“ organisiert. Die dreizehnte und letzte Ausstellung steht unter dem Motto: „Über die Brücke, durch das Labyrinth zu…“ (28. Dezember 2003 bis 8. Januar 2004, tägl. 11-22 Uhr, Eingang Markmannsgasse. Vernissage: 27. Dez., 18 Uhr).

BERLIN: STARS

Andy Warhol war der Ansicht, jeder Mensch solle einmal in seinem Leben für 15 Minuten berühmt sein. Seit der Musikpromotor Dieter Bohlen den Beweis erbracht hat, dass auch musikalische Nichtskönner mit Quäkstimme im Fernsehen zum „Superstar“ hochgejubelt werden können, hat die Warhol-Idee den Praxistest bestanden. Daran knüpfte nun die Konzeptkünstlerin Swetlana Heger an: Sie lud zehn zufällig ausgewählte Passanten auf der Hamburger Mönckebergstraße zum Foto-Shooting ein. Die Porträts dieser Instant-Stars wurden dann auf großflächige Fotobanner gedruckt und über die Fassaden in Hamburgs Shopping-Viertel gespannt.

HEILBRONN: HAGENBUCHER

„Neue Kunst im Hagenbucher“: Unter diesem Titel gründete Mechthild Bauer-Babel 1988 ein Forum für internationale Installationskunst. Die Projekte finden im zweiten Stock eines alten Ölfrüchte-Speichers in Heilbronn statt. Seit 1999 ist der „Kunst-Raum Lager- und Ausstellungsraum zugleich“. Die eingeladenen Künstler lagern hier ihre Arbeiten ein oder konzipieren eine Arbeit speziell für den Raum. An diesen Einlagerungen sind bisher u.a. Monika Bartholomé, Silke Leverkühne, Inge Mahn und die Arbeitsgemeinschaft „Retrograde Strategien“, Ulrike Hein, Christian Hasucha, Steffen Schlichter, Michael Stephan, Korpys/Löffler und Kazuo Katase beteiligt. Derzeit begeht das Projekt sein 15-jähriges Jubiläum: „Gefeiert wird das ganze Jahr über“.

BREMEN: MOVING THE CITY

Bis vor etwa dreißig Jahren fand Kunst fast ausschließlich im Museum statt. Dass die Kölner Gruppe „X-Screen“ 1968 Experimentalfilme in einer Tiefgarage zeigte und 1970 in Hannover „Straßenkunst“ geboten wurde, war ein absolutes Novum. 1970 war auch das Eifel-Städtchen Monschau Schauplatz von Open-air-Aktionen gewesen („Umwelt-Akzente“), und zu jenen Pionier-Veranstaltungen über „Kunst im öffentlichen Raum“ zählte ebenso 1973 ein künstlerischer „Feldversuch“ in Bremen. Für die Bremer Stadtkunst-Projekte engagiert sich bis heute in besonderer Weise der Münchener Akademieprofessor Florian Matzner. Zum dreißigjährigen Jubiläum der ersten Veranstaltung werden in diesen Wochen unter dem Titel „Moving the City“ 40 Plastiken im Bremer Stadtraum neu platziert. Sie gehören zu den rund 200 Arbeiten, die seit 1973 aufgestellt wurden. Die Städtische Galerie begleitete das Jubiläum mit einer Ausstellung über „Stadtutopien“ (u.a. mit Louise Bourgeois, Hans Haacke, Tobias Rehberger). Außerdem fand zu diesem Thema ein Kunsthistoriker-Kongress statt.

STILLE

„Sukûn/Stille“ nannte sich ein Projekt der Mobilen Städtischen Galerie im Essener Museum Folkwang und des örtlichen Verkehrsunternehmens EVAG. In den letzten beiden Septemberwochen fanden diverse Aktionen und Installationen im öffentlichen Stadtraum von Essen sowie im und am Museum statt. So fuhr der Künstler Helmut Dick mit einem „Hadestaxi“ durch die Gegend – dabei handelte es sich um eine Mercedeslimousine mit Plastikskeletten als Insassen. Luka Fineisen hüllte das Museumsdach mit Seifenschaum ein und Piero Golia hatte die Säulen im Museumsfoyer mit Kopfsalat verkleidet. Eher unprätentiös war der Beitrag von Dirk Fleischmann, der eine Woche lang als „lebendige Skulptur“ Straßenbahn fuhr und dabei Zeitung las.

UTOPIA STATION

Das Poster-Projekt „Utopia Station“ macht bis zum 30. November 2003 im Münchener Haus der Kunst Station. Rund 100 Künstler, Designer, Architekten und Filmemacher haben 160 Plakate zum Thema „Utopie“ gestaltet: „Die Utopie als Sinnbild einer freien, offen Gesellschaft beschäftigt die Menschheit seit vielen hundert Jahren, und die Visionen und Modelle werden immer unterschiedlich ausfallen“. Die Ausstellung wird von einer Vortragsreihe und einem Kinderprogramm begleitet.

VERGOLDUNG

Höchsten Respekt genießt nur das Heilige. Deswegen versah der Künstler Stefan Micheel die Abbildungen „gefährdeter Tiere“ auf Verkehrsschildern im hohen skandinavischen Norden mit einem vergoldeten Heiligenschein. Damit verband Micheel die Hoffnung, die sonst bedenkenlos durch „Wildwechsel“-Gebiete rasenden Autofahrer ließen sich bei diesem ungewohnten Anblick zu einer lammfrommen Fahrweise bekehren.

ZWEITER ADVENT

Das geteilte Deutschland in den sechziger Jahren: Westberliner durften nur zu Ostern und zu Weihnachten mit einem „Passierschein“ ihre Verwandten im Osten besuchen. An westdeutschen Schulen sammelten die Kinder für „ein Päckchen nach drüben“ und bekamen „Freiheitslichter“ in Form von Kerzen auf einer Berliner Freiheitsglocke aus Plastik ausgehändigt. Wer aus Düsseldorf in Dresden anrufen wollte, musste stundenlang warten, bis die Leitung freigeschaltet war. An diese Zeiten erinnert eine Aktion des Kölner Künstlers Cornel Wachter, der am Zweiten Advent (7. Dezember 2003) mit seiner „Ost-West-Telephonaktion“ ein „virtuelles Netz der Kommunikation über Gesamtdeutschland“ spannen will. Die ACC Galerie Weimar und das Kunstmuseum Bonn bieten die Möglichkeit zu einem „kostenlosen telefonischen Austausch der jeweiligen Lebensgeschichten“ von Bundesbürgern in Ost und West.

MÜNCHEN: TEUFELSRAD

Das Münchener Oktoberfest ist gemeinhin kein Ort für feinsinnige Kunstinszenierungen. Dass dort „Ein Prosit der Gemütlichkeit“ als ein bierselig-gröliges Massenereignis zelebriert wird, schreckte die Berliner Künstlergruppe „Bankleer“ allerdings nicht ab – im Gegenteil: Die Künstler reisten von der Spree zu einem Happening auf dem „Teufelsrad“ an, das seit 1910 zu den Vergnügungen auf der Oktoberfest-Kirmes gehört. Auf diesem Teufelsrad versuchen die Mitspieler, sich gegenseitig von einer sich immer schneller drehenden Holzscheibe zu drängen. Jeder versucht, so lange wie möglich auf der Scheibe zu bleiben, ohne von der Zentrifugalkraft heruntergezogen zu werden. Wer am längsten durchhält, hat gewonnen. Die Berliner Künstler begriffen diese Kirmes-Attraktion als Metapher „für den ökonomischen Kampf“ und steckten ihre Mitspieler „in die darwinistischen Trikots des harten und gleichzeitig flexiblen Managements.“ Ob die Sieger in diesem künstlerischen Kirmes-Spiel auch im wahren Leben das gleiche Durchsetzungsvermögen haben, bleibt indes abzuwarten. Schließlich ist schon mancher, der mal beim „Monopoly“-Spiel gewonnen hat und sich daraufhin für einen Krösus des Kapitalismus hielt, später im realen Geschäftsalltag in die Insolvenz geschlittert.

SZCZECIN: PRIVATE IMPACT

Die polnische Performer-Szene war in den siebziger und achtziger Jahren sehr stark durch die Theaterkonzepte von Tadeusz Kantor geprägt: Die Künstler inszenierten Absurditäten, weil das Alltagsleben selbst damals völlig absurd war. Zbigniew Warpechowski gilt als Pionier einer „existenzialistisch“ orientierten Performance; er erreichte auch schon recht früh im Westen einen gewissen Bekanntheitsgrad. Die heutige jüngere Performance-Szene Polens ist internationalistisch orientiert, hat es vor Ort aber nicht leicht: Wie im Westen, so fristet ebenso im polnischen Kunstbetrieb die Performance ein Nischendasein, weil sie nur bedingt kommerziell verwertbar ist. Um so wichtiger sind für die polnischen Künstler die kleineren Festivals mit internationaler Beteiligung, die von diversen europäischen Performance-Netzwerken organisiert werden und die ihnen Kontakte ins Ausland bieten. Antoni Karwowski und BBB Johannes Deimling organisierten im Oktober 2003 das „Private Impact“-Festival im „Kana Theatre“ von Szczecin. Teilnehmer: Franz Gratwohl, Steffi Wurster/Arved Schulze, Richard Rabensaat/Adrian Schedler, Stephan US und Andrzej Pawelczyk.

KÖLN: GRAZ-PERFORMANCES

Bis Ende 2003 kuratieren die Kölner Künstler Rolf J. Kirsch und Hans-Jörg Tauchert („Ultimate Akademie“) „Performances für Graz“. Alle 14 Tage findet eine Performance in einem Kölner Kunstraum statt. Eine 30minütige Videoaufnahme wird eine Woche später in Graz in der „Kunst.Wirtschaft“ (Elisabethstr. 14) vorgeführt. Weitere Termine: 25.10. Sculi Acosta (Ultimate Akademie Köln, Weyertal 84), 7.11. Marianne Tralau (BBK Köln, Frankenwerft 35), 21.11. Ruth Knecht (Kunstraum Core, Elsass Str. 17), 5.12. Beate Ronig (Ultimate Akademie, Weyertal 84) und 19.12. Holunda (Ehrenfelder Hochbunker, Körnerstr. 101), jeweils 20 Uhr. Infos: www.ultimate-akademie.net.

KÖLN: ARTSHELTER

„Artshelter“ nennen die Kölner Künstler Axel Brand und Theo Lambertin ihre Co-Produktion mit Digital-Kunst. Bildtechniken, die früher mit dem Retuschierpinsel oder als Übermalung von Fotoleinwänden erprobt wurden, sind inzwischen durch die Computerbearbeitung ersetzt worden. Die Motive werden anschließend in einem digitalen Druckverfahren vervielfältigt und als Auflagen-Edition angeboten. Die Vorlagen liefern eigene Aufnahmen und auch solche von befreundeten Künstlern: So hat z.B. der Künstlerkollege Uli Sigg die Präsentation von Wolf Vostells „Cadillac-Schaukel“ im Bild festgehalten. Ein Porträtfoto, das der Kunstpromotor Dietmar Schneider gemacht hat, verfremdete Axel Brand zur Digital-Collage „Rosemarie Trockel als Muse von Picasso“. Theo Lambertin transformiert die Digital-Bilder anschließend freilich wieder in die Malerei, indem er als letzten Schritt eine Bearbeitung mit Malerfarbe und Pinsel vornimmt, so dass das Handwerk doch nicht restlos durch die Maschine verdrängt wird. Die erste größere „Artshelter“-Präsentation fand im September 2003 im Kölner Filmhaus statt.

PERFORMATIVE INSTALLATION

Das Siemens Arts Program hat eine fünfteilige Ausstellungsreihe „Performative Installation“ für die Galerie im Taxispalais Innsbruck (bis 19.10. 2003), das Museum Ludwig Köln (bis 11.1. 2004), das Museum für Gegenwartskunst Siegen (ab 7.11. 2003), die Secession Wien (ab 19.2. 2004) und die Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig (ab 25.4. 2004) initiiert.
Die eingeladenen Künstler arbeiten „im Zwischenbereich von ephemerer Performance und statischer Installation, um verschiedene Ebenen von Zeitlichkeit, Raum und Erfahrung miteinander zu verweben.“ Dabei entwickeln die Künstler Konzepte für die spezifische Raum- oder Bühnensituation in den einzelnen Häusern, so dass das Programm an den einzelnen Orten nicht mit jenem in den anderen Städten identisch ist. Auszug aus der Künstlerliste: Ayse Erkmen, Lily van der Stokker, Christine und Irene Hohenbüchler, Angela Bulloch, Monica Bonvicini, Stefan Kern, Jeppe Hein und Olaf Nicolai.

DÜSSELDORF: SPECTACULAR

Der Düsseldorfer „museum kunstpalast“ setzt die „Spectacular“-Reihe über die Kunstgattung Performance und ihre Entwicklung seit den sechziger und siebziger Jahren im Herbst 2003 fort. Vorführungen von Videos mit klassischen Performances werden durch Live-Auftritte und Vorträge ergänzt. Am 8. November 2003 führt Carsten Höller eine Performance auf. Anschließend stellt sich der Künstler einem Werkstattgespräch mit Jens Hoffmann. Dorothea von Hantelmann hält am 23. Oktober 2003 (18 Uhr) einen Vortrag über „Art after Performance“.

VERSTECKTE BILDER

Der Künstler Wolf Werdigier führte mit Israelis und mit Palästinensern Gespräche über „deren Metaphern, Verdrängungen und unbewussten Prägungen“. Aus diesem psychoanalytisch bedeutsamem Material entstanden „Versteckte Bilder“ und Installationen, die nun in Jerusalem (ab 17. Oktober 2004), Tel Aviv (ab 4. November 2003) und in Ramallah (ab 22. November 2003) zu sehen sind.

KÖLN: KONSUM-MESSE

Champagner von Aldi, Italien-Reisen für 19 Euro mit der Billig-Flug-linie: Das derzeit weit verbreitete „Angstsparen“ beschreibt der Werbeslogan „Geiz ist geil“ ziemlich treffend. Auf diesen aktuellen Trend zum Sparen setzt auch der Kölner Künstler Parzival: Parallel zur Art Cologne hält er in der Galerie Artlab eine „Messe für Konsumbewusste“ ab. Wer die Art Cologne als teurer empfindet, der kann hier schon Parzival-Werke ab 80 Euro erstehen (Rolandstr. 86, 1.-30. November 2003).

MÜNCHEN: GROSSE REISE

Als Sieger eines Wettbewerbs realisierte der Künstler Franz Ackermann die Installation „Große Reise“, die am 18. Oktober 2003 in der Münchener U-Bahnstation Georg-Brauchle-Ring eingeweiht wurde. Eine Serie großformatiger Bilder thematisiert mit kritischem Unterton die Vereinnahmung und Zerstörung von Kultur durch den Massentourismus.

BERLIN: GOLDRAUSCH

15 Berliner Künstlerinnen präsentieren in der Ausstellung „Goldrausch“ ihre ästhetischen Positionen „im Spannungsverhältnis zwischen autonomer künstlerischer Praxis und der Auseinandersetzung mit den realen Bedingungen unserer Welt“. Kuratorinnen sind Eva Schmidt, Nanne Meyer und Hanne Loreck. Die Ausstellung ist bis zum 14. Dezember 2003 im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Mariannenplatz 2, zu sehen.

FRANKFURT: 900 THESEN

Martin Luther war nicht der erste gewesen, der seine theologischen Thesen an einer Kathedralentür anschlug. Im Jahr 1486 tat dies bereits Pico della Mirandola in Rom. Der Künstler Georg Krueger hatte in einem Internet-Projekt dazu aufgerufen, Mirandolas 900 Thesen „conclusiones nongentae“ zu übersetzen und zu kommentieren. Die Ergebnisse präsentiert er ab dem 1. Oktober 2003 als LED-Panels „in den Flusseinsichten der Frankfurter Welle“ und im Internet unter www.cybernaia.com.

MOB IL 2

Die Düsseldorfer Künstlerin Claudia Rogge war auch im Sommer 2003 mit einem umgebauten gläsernen Lastwagen kreuz und quer durch Europa unterwegs. Transportierte das Vehikel im vergangenen Jahr Puppenköpfe, so hatte Rogge die Ladefläche diesmal mit gebückt kauernden Figuren bestückt. Die Fracht ermöglichte den Betrachtern ein weites Assoziationsfeld: Auf dem Münchener Viktualienmarkt glaubte das Publikum, es handele sich um eine Protestaktion gegen Viehtransporte. In Brüssel machte die Künstlerin vor einer Kirche Halt, ohne zu ahnen, dass im Kircheninneren gerade fünfzig Afghanen mit einem Hungerstreik ihre Zwangsausweisung verhindern wollten. Deren einheimische Sympathisanten begriffen die LKW-Installation als skulpturale Illustration „explizit für diese Situation vor Ort“. Afrikanische Emigranten in Belgien und Frankreich fühlten sich beim Anblick der Figuren hingegen an die Geschichte ihrer eigenen Völker, an koloniale Ausbeutung und Sklaverei erinnert. London und Amsterdam waren im September 2003 die letzten Stationen zum Abschluss der diesjährigen Tournee.

LENIN ON TOUR

Der Künstler Rudolf Herz tourt derzeit mit einem Tieflader quer durch Deutschland. Die Fracht: Ein steinernes Lenin-Denkmal, das einst in Dresden vom zeitweiligen Sieg des Bolschewismus kündete. Der Filmemacher Heiner Stadler dokumentiert die Reise. Prominenter Mitfahrer auf der Strecke durchs Ruhrgebiet ist Bazon Brock. Als ob der 1923 verstorbene Berufsrevolutionär eine Zeitreise unternähme, erläutert Brock dem steinernen Lenin, wie sich das Revier inzwischen vom proletarischen „Ruhrpott“ zu einem postmodernen Technologie- und Freizeitpark gewandelt hat.

EXPLORER-KONZERTE

In der Herner „Maschinenhalle Teutoburgia“ führten kürzlich Christof Schläger, Thomas Körner und Luc Ferrari mehrere Konzerte mit Instrument-Maschinen auf (Ober-Titel: „Explorer“). Ferrari hatte in den fünfziger und sechziger Jahren die „Music concret“ mitbegründet. Auch heute noch bildet die „Erforschung der akustischen Umwelt“ die Basis seiner musikalischen Konzepte. Beim Konzert „Audiosphere“ (26. Sept. 2003) verdichteten sich „lärmige Alltagsgeräte“ zu einer „eigenen assoziativen Klangwolke“.

KASSEL: BALKAN-SYMPOSION

Zur Kasseler Ausstellung „In den Schluchten des Balkan“ haben Marius Babias und Bojana Pejic ein Symposion organisiert. Vom 24.-26. Oktober 2003 diskutieren die Teilnehmer im Museum Fridericianum über „Die Neuerfindung des Balkan“.
Der geografische Balkan umfasst „sowohl sprachlich als auch religiös und kulturell ganz unterschiedliche ethnische Gruppen, Staaten und Staatengebilde in Südosteuropa.“ Dabei ist „der Balkan in erster Linie eine westliche Erfindung voller Vorurteile, Ressentiments, politischer und kultureller Projektionen.“ Es gelte nun, aus den Reihen der südosteuropäischen Künstler und Intellektuellen diesem tradierten westlichen Balkan-Bild „eigene politische und kulturelle Definitionen entgegen zu setzen.“ Teilnehmer: Marina Abramovic, Sokol Beqiri, Markus Bickel, Boris Buden, Calin Dan, Melih Fereli, Sanja Ivekovic, Hito Steyerl, Vesna Kesic, Marina Grzinic, Zelimir Zilnik.

HANSIK-GEBERT-ARCHIV

Das Archiv des Siegburger Künstlers Hansik Gebert (Jahrgang 1947) ist „nicht nur ein Ort der Aufbewahrung, sondern ein interaktiv angelegtes Webprojekt“. Im Downloadbereich stehen bis jetzt zwölf umfangreiche Arbeiten zur Verfügung. Sie enthalten 500 teilweise animierte Abbildungen, Text- und Tondokumente, die Geberts „Weise der Welterzeugung“ veranschaulichen. Gebert wandte sich Ende der achtziger Jahre von der Malerei konsequent ab und arbeitet seitdem an einem multimedialen Gesamtwerk. Infos: www.hansikgebert.de.

ODER II ODRA

Eine ehemalige Fabrikantenvilla in Vierraden/Brandenburg war im August 2003 Schauplatz eines Symposions mit zehn Künstlern aus Deutschland und Polen. Das Projekt „Kunstbauwerk 2003 Oder II Odra“ beschäftigte sich mit der „innereuropäischen Annäherung“ in der Grenzregion an Oder und Neiße. Nach einer Ausstellung in der Galeria Amfilada in Szczecin/Stettin (bis 3. Nov. 2003) werden die Ergebnisse vom 15. Dezember 2003 bis 19. Januar 2004 in Berlin in der 2YK Galerie (Flutgraben) präsentiert. Künstlerliste: Dorota Podlaska, Diana Fiedler, Elzbieta Jablonka, Ute Lindner, Mikolaj Polinski, Maciej Kurak, Tristan Wolski, Przemyslaw Birylo, Peter Anders, Frank Kästner.

GAMES

Der Dortmunder Medienkunstverein „hartware“ veranstaltet ein Projekt „Games“ über Computerspiele. Bis zum 30. November 2003 findet dazu eine Ausstellung im ehemaligen Reserveteillager auf Phoenix West statt. Die Künstler entwickeln „Strategien der künstlerischen Aneignung und Modifikation handelsüblicher Computerspiele“. Hierbei reichen die künstlerischen Verfahren von der Veränderung der Software über die Manipulation von Hardware bis hin zum Transfer digitaler Spielszenen in analoge Bildmedien. Die Ausstellung umfasst Arbeiten, mit denen an Konsolen oder Computern gespielt werden kann; außerdem interaktive Installationen, Videos und grafische Arbeiten. Auszug aus der Künstlerliste: Cory Arcangel, Brody Condon, Vuk Cosic, Alison Craighead, Margarete Jahrmann, Joan Leandre, Max Moswitzer, Olaf Val.

GRASHALM-PROJEKT

Der Künstler Thomas May bittet Besucher und Passanten, aus einem Stück Holz einen dünnen Grashalm zu schnitzen. Diese Schnitzwerke steckt er dann in einen Rollrasen. Nach einer Präsentation in China ist nun das Oberpfälzer Künstlerhaus Schwandorf (bis 28. Oktober) jüngste Station seiner internationalen Schnitztournee. Nunmehr weitet May sein Projekt auch auf postalische Kontakte aus: Wer zu Hause Grashalme schnitzen möchte, kann diese bei Thomas May, Marienstr. 23, 90402 Nürnberg, Tel. 0175-7928654 bestellen.

HEIMAT-KUNDE

Dass der Bonner Friedensplatz früher mal „Friedrichsplatz“ und dann „Adolf-Hitler-Platz“ hieß, weiß heute kaum noch jemand. Daher führte der Künstler Hermann-Josef Hack hier eine Unterrichtsstunde in Sachen „Heimat-Kunde“ durch, bei der er das Straßenpflaster mit Kreide beschrieb. Der Text bestand aus synonymen Begriffen für „Heimat“ und „Fliehen“, die Hack sich vom Publikum zurufen ließ.

VERGOLDETE SCHIENE

Der Kölner Bildhauer Knopp Ferro verbringt derzeit einen Stipendienaufenthalt im Künstlerdorf Worpswede. Unter seinem Fenster verlaufen die Schienen des „Moor-Express“, der nur am Wochenende verkehrt, weshalb die Schienen leicht Rost ansetzen. Diesen Rost will der Künstler nun veredeln: Auf einer Länge von 300 m trägt Knopp Ferro echtes Blattgold auf die Schiene auf.

BERLIN: PARADIES

Bis zum 2. November 2003 läuft in der Bunkeranlage unter dem Berliner Alexanderplatz die Ausstellung „Paradiesprojekt“. Fünfzig Räume mit insgesamt 2.500 qm stehen den mehr als 100 beteiligten Künstlern auf drei Etagen für ihre Installationen zur Verfügung. Kuratoren sind die Künstler Nina und Torsten Roemer. Der Eintrittspreis wird ausgewürfelt: Wer eine Sechs würfelt, darf umsonst in die Ausstellung. Alle anderen Besucher müssen 4 Euro bezahlen. Auszug aus der Künstlerliste: Club Real, Silke Nass, Alexandra Koneva, Magdalena Drebber, Eva-Maria Bogart, Lucie Strecker, Anja Ibsch, Tom de Toys, Anton Laiko, Markus Günther.

LEGAL-ILLEGAL

Künstler als Kriminelle, Kunstaktionen als Verbrechen: Tony Labat entführte einen kalifornischen Politiker und Dennis Oppenheim entwendete Radkappen von den Autos der Gefängnisaufseher in St. Quentin. Harmloser, allerdings auch strafbar, war die Aktion der „Guerilla-Art-Action Group“, die in New York die amerikanische Flagge verbrannte. In die Schublade „Kunst, Aktion und Justiz“ gehört ebenso das „Pudding-Attentat“, das seinerzeit die Berliner APO-Kommunarden Fritz Teufel und Rainer Langhans auf den US-Politiker Hubert Humphrey unternahmen: Das „Polit-Happening“ löste eine Welle der Empörung aus. Der Kölner Künstler Ralph Bageritz stellte die Beute von Ladendiebstählen und entwendete Absperrpoller als „Stolen Objekts“ aus.
Der Berliner Künstler Hans Winkler stellt nun unter dem Titel „Legal.Illegal“ solche Aktionen von Künstlern vor, „bei denen die Grenzen zwischen künstlerischer Inszenierung und politischer Tat verschwinden, und die zum Teil in Kriminalität münden“. Nach einer ersten Präsentation an verschiedenen Berliner Orten (u.a. im Kriminalmuseum) plant Winkler weitere Ausstellungen in New York, Graz und Neuhausen.

BIERKÖNIGIN

Im Herbst werben auf den rheinischen Winzerfesten adrette Weinköniginnen für den goldenen Rebensaft. Analog dazu erfand die Künstlerin Heike Jost die „Kulmbacher Bierkönigin“. Da die nordbayerische Stadt Kulmbach außer Bier nicht allzu viele weitere touristische Attraktionen hat, löste die Künstlerin mit ihrer Idee einen Begeisterungssturm aus, und die Bierkönigin wurde rasch zum Volksmythos. Anlässlich des Münchener Oktoberfestes dehnte die Kulmbacher Bierkönigin ihre Präsenz von Franken nach Oberbayern aus und trat im Kunstraum „Lothringer 13“ auf. Dort gab es aber nicht etwa eine bierzeltgemäße Blaskapelle zu hören, sondern amerikanische Countrymusik. Jody Hughes referierte über die Volksmythen, welche die Texte dieser Country-Songs transportieren – Vergleiche mit den deutschen Volksmythen von Siegfried bis zur Loreley und natürlich mit der Figur der Bierkönigin boten sich an. Dazu konnte man bei einem „Biererkennungs-Test“ ausprobieren, ob man bayerisches und texanisches Bier voneinander unterscheiden kann.

DAS ZITAT

„Künstler dürfen – bis auf Falschparken und Morden – für mich alles“.
BILD-Kolumnist Franz-Josef Wagner in der Ausgabe vom 19.8. 2003 über Prof. Jörg Immendorff, dessen Privatleben ins Visier der Boulevardpresse geraten war.