Titel: Theorien des Abfalls · von Andreas Nebelung · S. 82
Titel: Theorien des Abfalls , 2003

ANDREAS NEBELUNG

DAS AUSGESCHLOSSENE DRITTE

ETHIK DER ÄSTHETIK – EXISTENZ OHNE ABFALL

(FÜR ANA-ZOE, DIE MELANCHOLISCHE SACHENSUCHERIN)

Es gibt abfallgenetisch gesehen drei Zeiten: eine abfalllose Vergangenheit – Arkadien genannt, eine müllvergessene Moderne bzw. abfallschizoide Postmoderne – Lagersystem genannt, und eine noch unbestimmte Utopie, die sich die Menschen, die heute in der Umwelt der Systeme leben, erkämpfen. Es gibt – trotz Heidegger, dem Abfallphilosophen – kein melancholisches Zurück zu den Quellen Arkadiens, aber wir können aus diesem Denken erfahren, wie eine Utopie möglich ist: im Zwischenraum von Eigenheit und Fremdheit, in der Erotik der Indifferenz. Davor aber gilt es, den Menschen als Parasiten zu erkennen, als sich selbst ausschließenden Dritten, als Essenden, Verschlingenden, der seine Abfälle verschleiert. Aber der Mensch kann auch – umgekehrt – Liebender sein, Reisender, also Inter-Essierter, Schwellenwesen. „Und wenn er dazwischen ist, so ist er Eros.“1

ABFALL: ABSEITS VON GESELLSCHAFT UND NATUR

Begriff. Abfall ist das ausgeschlossene Dritte. Müll ist noch systematisierbar, recyclingfähig, verwendbar. Abfall ist es nicht. Wie seine hauswirtschaftlichen Vorläufer Staub, Dreck und Kehricht wird Abfall verschoben, vergraben oder verbrannt. Damit wird er aus unseren Kommunikationen und aus unserem Bewusstsein radikal ausgeschlossen: gesellschaftlich und das heißt, aus allen Kommunikationen, und personal, aus allen Bewusstseinszustände. Er ist auch nicht Natur. Wenn Abfall weder Gesellschaft noch Natur ist, obgleich er gesellschaftlich und personal produziert wurde, und wenn er, obgleich materiell, keine Natur ist, was ist er dann? Er ist das Entzauberte, Wertlose und Entrechtete. So wird er entsorgt. Wenn man annimmt, dass unsere Sprache unterscheidungslogisch arbeitet, dann ist Abfall das ausgeschlossene Dritte unserer…

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