Titel: Theorien des Abfalls , 2003

KATHRIN LUZ

STRATEGIEN GEGEN DIE ÜBERPRODUKTION

Gegen das Scheitern selbstregulierender Kräfte: Müllverarbeitung und Selbstrecycling, Doppelverwertung und sozio-ökologische Ansätze als Strategien gegen künstlerische Überproduktion bei Nancy Rubins, Wilhelm Mundt, Jonathan Meese, John Bock, Laurie Parsons und Rirkrit Tiravanija

Wer weiß schon, was er/sie wirklich braucht? Satt werden schafft noch lange keine wirkliche Sättigung, ein gut gefüllter Bauch und ein sauber gewaschener Kopf helfen nicht gegen das unersättliche Kaufbegehren, dass die nächste Warenauslage oder die allgegenwärtigen Werbe-Images hervorkitzeln. Bereits der gute alte Marx hatte vorausgesehen, dass der moderne Kapitalismus irgendwann die Nachfrage nach seinen Produkten selber generieren muss, um nicht in der Überproduktion unterzugehen. Eine durch die Produktionsmächte forcierte konsumistische Wegwerf-Mentalität ist da nur eine von mehreren Optionen, die zumindest rein wirtschaftlich funktioniert: Sie schöpft die Kaufkraft ab und schafft damit den Profit.

KONSUMRAUSCH

Der historische Aufstieg der Konsumgesellschaft fand zwischen 1880 und 1930 statt. Die allgemeine Furcht vor Überproduktion lieferte nicht nur den fruchtbaren Boden für diverse „Krisentheorien“ über die „Endphase“ des kapitalistischen Systems. Aus ihr leitete sich auch der Appell an den Konsumenten zum Kauf der für ihn vorgesehenen Konsumgüter ab, um so den industriellen Kapitalismus vor den Folgen seiner stetig steigenden Effizienz zu bewahren. Eine grundlegende Bewusstseinsänderung ging damit von statten. Werte, die das 19. Jahrhundert noch als „Tugend“ ansah, nämlich Mäßigung, Sparsamkeit und Selbstverzicht, wurden nun obsolet. Früher galt: Man kaufte, was man brauchte. Oder stellte es sogar noch selbst her. Das ändert sich jetzt.

In Anbetracht der rasch explodierenden industriellen Produktion werden Luxusgüter in „Notwendigkeiten“ verwandelt. Die Nobilitierung von anonymen Waren zu Markenprodukten,…

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