Ausstellungen: Wien · von Ursula Maria Probst · S. 340
Ausstellungen: Wien , 2013

Ursula Maria Probst

Albert Oehlen

»Malerei«

MUMOK, Wien, 6.6. – 20.10.2013

Als „Sauna-Gang“ gingen Albert Oehlen, Martin Kippenberger und Jörg Immendorf in den 1980er-Jahren durch ihr Gruppennacktfoto in die Kunstgeschichte ein. Laut Karola Kraus gilt Albert Oehlen nicht nur als einflussreicher, sondern auch als streitbarer Maler. Sie dürfte aus eigener Erfahrung sprechen, in der Sammlung ihrer Familie Grässlin ist er mit Bildern ebenfalls vertreten. Als Direktorin des MUMOK widmet sie Albert Oehlen eine umfassende, über 3 Etagen verlaufende Personale, die sich Oehlens diskursivem Zugang zur Malerei als Austragungsort für Angriffe, Polemiken und Konfrontationen, denen sich die Malerei seit den 1970er Jahren durch die neue Medien wiederholt ausgesetzt sieht, widmet.

In einer über 80 Gemälde, Collagen, Computerdrucke, Zeichnungen und eine Installation umfassenden Personale bietet das MUMOK nun Gelegenheit, sich Einblicke in das breitgefächerte Oeuvre von Albert Oehlen zu verschaffen. Große Leinwände in expressionistischen Braun- und Grautönen, auf denen Sex, Gewalt, deutscher Anti-Faschismus und schwarzer Humor sich breitmachen, charakterisieren das Frühwerk von Albert Oehlen. Derartig radikale Schlüsselwerke und das daran geknüpfte pathologische Unbehagen sowie die Punk-Attitüde vermisst man allerdings in der Personale im MUMOK. Sie startet mit großformatigen neo-expressionistischen, figurativen Bildern der frühen 1980er-Jahre mit doppelzüngigen Titeln wie „Hey mercy“ (1983) „Auch Einer“ (1985) oder „Selbstporträt mit Pferd“ (1987), die sich durch teils überbordende „malerische“ Elemente, schlammige Farben, grobschlächtige Formen und verwischte Konturen auszeichnen. Albert Oehlens Malerei ist laut, zwingt den Betrachter hinzuschauen. Anspielungsreich prägte Albert Oehlen Ende der 1980er-Jahre den Begriff der „postgegenständlichen Malerei“.

Seit 1991 bezieht Albert Oehlen computergenerierte Collagen in seine Werke ein. Obwohl Oehlen immer wieder die Möglichkeit betont hat, im Grunde genommen alle anderen künstlerischen Verfahrensweisen in die Malerei einzubauen, widersetzt sich seine Kunst aber auch diesem Verständnis von Malerei. Seine plakativen Bildweiten mit Computergrafiken bedienen sich aus dem Repertoire der Pop- und Werbewelt, parodieren diese und lassen konträre Wirklichkeiten aufeinanderprallen. Slogans, sprachliche Botschaften, mit appelativem Aufforderungscharakter wie „Obsession Crucified“ in „Obsession“ (2007) oder „merde“ in „English Courses“ (2008) sind Bestandteile der Bildproduktion.

Bereits Adorno spricht in seinem Aufsatz „Die Kunst und die Künste“ (1968) von einer „Promiskuität“ der Medien und vertrat die These, dass jedes Medium seine Bedeutungsfülle erst durch eine innere Heterogenität bezieht, ohne sich dabei allerdings mit anderen Gattungen oder Sprachmitteln zu versöhnen.

Die angekündigte konfrontative Hängung einzelner Werkkomplexe Albert Oehlens löst sich im MUMOK allerdings durch die Aufgliederung in verschiedene Etagen auf. Malerische Klischees im Umgang mit Schönheit, Sexyness und Virtuosität sind Albert Oehlens Angriffspunkte. In den letzten Jahren ist die Malerei von Albert Oehlen sentimentaler geworden und dadurch leichter zu dekodieren. Albert Oehlen beginnt nicht mit dem Motiv, sondern damit, dass er Farbe großzügig auf die auf dem Boden liegende Leinwand verteilt, zunächst flüssig, und fügt dann die Reste auf der Palette hinzu. Dann bewegt er die Leinwand – wie er es selbst beschreibt – wie beim Wäschezusammenlegen. Er hält die Leinwand an beiden Ecken und bewegt sie rauf und runter, kippt sie diagonal, vertikal und beobachtet währenddessen, wie sich die Farbe verhält. Durch das Zerlaufen der Farbe entsteht eine Art von Batik-Effekt. Komposition, die räumliche Gestaltung der Fläche definiert Albert Oehlen in seinen Bildern hinterher durch das während des Malprozesses entstandene Verhältnis aller Elemente untereinander auf dem Bild. In der Malerei von Oehlen geht es um die Organisation all dessen, was im Bild stattfindet unter Berücksichtigung von deren narrativen und antinarrativen Aspekten. Während des Malens stellt sich Albert Oehlen Aufgaben wie “Mal ein wirklich schönes Bild malen, in das wahnsinnig viel Wahrheit reingequetscht ist, die aber aussieht wie Kitsch”. Die Wahrheit als wackeliger Begriff in der Malerei, wie sie auch von Gilles Deleuze thematisiert wurde, wird so einbezogen. Malerei ist im Werk von Albert Oehlen eine Koordination aus Körpergröße, Hand-Auge-Relation und Mutmaßungen dessen, was er als Maler tut. Laut Albert Oehlen müssen die Leute, die analfixiert malen und die er im Gespräch mit dem Maler Daniel Richter als Pickel- und Schamhaarmaler bezeichnet, nicht zurücktreten während des Malprozesses, außer um kennerisch mit der Zunge zu schnalzen, weil sie wissen, was sie tun und sich vorher schon im Klaren darüber sind.

Die Ausstellung im MUMOK gliedert sich in gegensätzliche Werkblöcke, einerseits in die figurativen neoexpressionistisch gemalten Bilder der 1980-er Jahre und eine Anzahl von kleinformatigen Collagen in Mischtechnik und in die sehr gestisch gemalten abstrakten Ölbilder der 1990-erJahre wie “Solotanz” (1995), “Der Zoo von Brooklyn” (1995) oder “Spielgrade” (1996) und anderseits in collageartige, mit dem Computer hergestellte Bilder wie “I 9” (2009) oder “I 33” (2013) , die jede Menge Verweise auf die eigenen Arbeiten und Positionen der Moderne enthalten. Die Installation “Ohne Titel” (2005) zeigt ein Bett mit aufgewühlten Laken unter dem sich ein Bild mit Selbstporträt befindet und strahlt interieurhaft die Aura einer intimen Situation aus. Wie sich in der Ausstellung zeigt, ist jede Werkserie von einer scharfen Polemik von strategischen und taktischen Manövern motiviert.

Albert Oehlen, Malerei, Texte von Rocelle Feinstein, Hal Foster, Achim Höchdörfer, Albert Oehlen, Daniel Richter und Kerstin Stakemeier.Künstlerbuch Heimo Zobernig, 180 Seiten, 120 Abb., € 29,80

von Ursula Maria Probst

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