Die Ausstellung · S. 30
Die Ausstellung , 2013

When Attitudes Become Form

Reprise für „Kunstforum“

Von Klaus Honnef

Mythen sind nicht fassbar. Flüchtig und beharrlich zugleich datiert ihr Ursprung in vorschriftlichen Zeiten. Als noch mündliche Überlieferung und rituelle Handlungen für den kulturellen Kitt zwischen Menschen und kleinen Menschengruppen sorgten. Dass viele uralte Mythen trotz und entgegen Aufklärung und Säkularisierung nach wie vor lebendig sind, enthüllt ein kurzer Blick auf die verästelte Kultur der Gegenwart; ihren wissenschaftlichen Zweig eingeschlossen. Im Laufe der Zeit haben neue Mythen das mythische Arsenal ergänzt und ihre Welt in Hochglanz getaucht.

Die Kunst war immer schon ein fruchtbares Feld der Mythen. Schon ihre Anfänge sind in und durch Mythen verklärt. Die künstlerische Gegenwart ist geradezu von ihnen durchtränkt. Dazu haben nicht unwesentlich wegweisende Ausstellungen beigetragen. Etwa die legendäre Schau der impressionistischen Maler im Pariser Atelier des Fotografen Nadar 1874 oder die nicht minder legendäre Armory-Show 1913 in New York.

Ausstellungen haben eine größere Affinität zum Mythos als Kunstwerke. Denn ihre Dauer währt anders als die der ausgestellten Kunstwerke nur kurz. Zu den am intensivsten von Mythen umwobenen Ausstellungen der Gegenwartskunst zählt zweifellos „Live in Your Head“, mit dem Subtitel „When Attitudes Become Form“. Bereits der gern unterschlagene Haupttitel lässt ihr künftiges Terrain aufscheinen. Gleichwohl war er nicht aus der Luft gegriffen. Er umriss vielmehr den Charakter dessen, was die Ausstellung vorführte. Anstelle von durchgebildeten Objekten mit Ewigkeitsanspruch tummelten sich an den Wänden und auf dem Boden der Kunsthalle Bern und des annexen Schulwart-Gebäudes vorwiegend ephemere Gegenstände, fragil und vorläufig, Ballungen armseligen Materials, zudem Pläne, Skizzen, Fotografien ohne ästhetischen Eigenwert…

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