Titel: Dialog und Infiltration · von Christiane Fricke · S. 44
Titel: Dialog und Infiltration , 1999

CHRISTIANE FRICKE

An den Grenzen nichts Neues?1

Daß die Kunst nicht in der Lage ist, die Welt zum Besseren zu verändern, zeigte sich spätestens, als die Utopien der sechziger Jahre still im Sande versickerten. Inzwischen hat sie sich als selbstbezügliches und von eindeutigen Auslegungen unabhängiges System so erfolgreich innerhalb des gesamtgesellschaftlichen Systems etabliert, daß man sich die Frage stellen kann, ob von ihr überhaupt verbindliche Konzepte für die Bewältigung der Zukunftsfragen erwartet werden dürfen.

Nicht verwunderlich ist deshalb, daß die neuen Entwürfe nicht aus der Kunst und den Geisteswissenschaften, sondern aus den Natur- und Lebenswissenschaften und damit ausgerechnet aus jenem Feld kommen, das sich mit seiner weit fortgeschrittenen Abkopplung vom humanen Fortschrittsgedanken in hohem Grade verdächtig macht. Als Protagonisten figurieren nicht zufäl-lig Persönlichkeiten, die mutig und kühn genug sind, die Randbedingungen ihrer Wirkungsbereiche einer kritischen Prüfung zu unterziehen und an den Grenzen nach Neuem Ausschau halten.

Beispiel 1: der Münchener Hirnforscher Ernst Pöppel, der für eine neue Qualität interdisziplinären Forschens eintritt und dafür einen neuen Begriff – „Syntopie“ – geprägt hat. Traditionell geprägte Disziplinen mit ihren theoretischen Gebäuden und ihrem typischen Methodenarsenal, sagt er, seien allein nicht mehr hinreichend, um wesentliche Fragen anzugehen, die uns heute bewegen. Es müsse inhaltlich, nicht nur methodisch über die Fachgrenzen hinweg gearbeitet werden. Die Fortschritte auf den Gebieten der Hirnforschung und Computerwissenschaften veranlassen ihn, bereits von einem Durchbruch zu einem neuen wissenschaftlichen Paradigma zu sprechen.2

Beispiel 2: der englische Naturforscher Rupert Sheldrake, der sich für eine offenere Art, Naturwissenschaft zu betreiben, verwendet. Die Naturwissenschaft stehe im Bann ihrer Konventionen…

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