Titel: Dialog und Infiltration · von Jürgen Raap · S. 119
Titel: Dialog und Infiltration , 1999

GEORGE BRECHT

Interkulturelles Denken

Georg F. Schwarzbauer beschreibt zwar Fluxus als eine „kunstimmanente Methode“,1 bescheinigt dieser Kunstrichtung aber gleichzeitig einen „expansiven Charakter“. In der „Bloomszeitung“ (1964) räsonnieren die Fluxus-Künstler schon sehr früh darüber, wie eine Expansion künstlerischen Handelns (auch) zu einer „Verschmelzung“ von Kunst und Wissenschaft führen könnte. Für die Arbeit von George Brecht, der von 1950-1965 als Chemiker und Ingenieur arbeitete, gleichzeitig aber Ende der fünfziger Jahre Kurse von John Cage in der „New School of Social Research“ besucht hatte, bedeutete dies u.a. eine Visualisierung von Erkenntnisprozessen, in denen gleichzeitig ein rational-philosophisches wie auch ein rein intuitives Verstehen stattfindet. Darauf rekurrieren z.B. die „Koan“-Objekte in Holzrahmen, die zwischen 1959 und 1978 entstanden: sie verdeutlichen die zen-buddhistische Lehrmethode des Rätsels, dessen Lösung zu einer geistigen Emanzipation gegenüber den Täuschungen der äußeren Welt des Scheins führen soll.

Schon 1957 hatte George Brecht in seinem Aufsatz „Projects in Multiple Dimensions“ eine „Verbindung zwischen orientalischem Denken und dem, was heute in der westlichen Kultur passiert“, herausgestellt – ein Ansatz, den er dann bald im Buch „The Tao of Physics“ des Kernphysikers Frijof Capras bestätigt fand.2 Brechts künstlerisches und intellektuelles Konzept tangiert nicht nur interdisziplinäre Vorgehensweisen, sondern darüber hinaus ein „interkulturelles Denken“. Ein solches habe bei manchen US-amerikanischen Wissenschaftlern bereits in den dreißiger Jahren eingesetzt (ein anderer Einfluß in dieser Epoche wäre jener durch die Bauhaus-Emigranten, auf den Jürgen Claus im Interview verweist).

„Und so hat sich unsere Weltsicht nicht nur verändert, weil wir eine Art Enttäuschung in der Wissenschaft erlebt haben, sondern auch, weil wir mit Alternativen…

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