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Ausstellungen: Köln · S. 324 - 325
Ausstellungen: Köln , 1990

Reinhard Ermen
Anselm Kiefer

Der Engel der Geschichte

Galerie Paul Maenz, 17.11.1989 – 13.1.1990

Anselm Kiefer hat Flugzeuge gebaut, aus Bleiblech, nachempfunden den modernen Düsenmaschinen und bis zu drei Meter lang. Zusammen mit abgerissenen Flügeln sowie einigen Bildtafeln wurden diese Objekte bei Paul Maenz in Köln gezeigt: Der Engel der Geschichte.

Die Maschinen tragen den Widerspruch zwischen High-Tech und Handarbeit in sich. Die stromlinienförmigen Körper muten an wie handgeschmiedet, wie mit der Hand gebacken. Der Starfighter ist Schwert und Wurfgeschoß zugleich, Waffen, wie ein richtiger Junge sie sich erträumt. Das sind große Zinnsoldaten; Kiefer hat Kriegsspielzeug gebaut, das Kinderzimmer wird zum Flugzeugfriedhof. Der Krieg ist noch nicht zu Ende! Mit der Faszinationskraft des Knaben ziehen uns die Maschinen mächtig an, mit dem Schrecken der Erwachsenen stoßen wir sie von uns. Diese Objekte leben von einer solchen zweifachen Bezogenheit, Kiefer spielt mit Faszination und Schrecken – seine Bildwelten sind genuin männlich.

Es könnte sein, daß Blei für Kiefer einmal das Material schlechthin wird, wie das etwa der Filz für Joseph Beuys war. Blei ist ein Metall, dem man seine „Charaktereigenschaften“, etwa Schwere und Verformbarkeit, anzusehen meint; doch vielleicht ist für Kiefer wichtiger, daß Blei schnell die Aura des Verwitterten ausstrahlt, Blei altert sichtbar, wird stumpf und ergraut wie der Kopf eines Greises. Hier hören die Knabenträume auf, denn Blei ist der Stoff, aus dem die Mythen gebildet werden können. Einmal ganz apologetisch gesagt: Kiefers Arbeiten sind materialisierte Mythen, und wichtiger als das, was sie darstellen, ist die Tatsache, daß sie da sind.

Durch Paul Maenz‘ elegante Galerieräume…


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