vorheriger
Artikel
nächster
Artikel
Titel: Ästhetik des Reisens · S. 170 - 171
Titel: Ästhetik des Reisens , 1997

Peter Sloterdijk
Automenschen

Warum ist der moderne Mensch so besessen vom Auto?

Peter Sloterdijk: Das ist ein obsessives Verhältnis: Mensch und Fahrzeug bilden eine Einheit, in der das Fahrzeug die Rolle des besseren Ichs übernehmen kann. Es ist das schnellere, das kinetisch mächtigere Selbst, das sich im Automobil darstellt. Ich sehe die Einheit von Mensch und Fahrzeug schon bei Plato vorgebildet. Überhaupt in allen Kulturen, die das Rad, den Wagen, die Reiterei entdeckt und das kentaurische Motiv entwickelt haben: Der Mensch mit seiner kleinen Kraft reitet auf einer größeren animalischen Energie, verwandelt zum Hybridwesen mit menschlicher Front und Pferdeunterleib.

Verkehrsplaner, die dem Auto nur Transportaufgaben zuschreiben, haben demnach sein Wesen nicht begriffen?

Alle Theorien, die das Auto als Transportmittel charakterisieren, vergessen eine ganze Dimension: Das Automobil ist ebensosehr Rausch- wie Regressionsmittel. Es ist ein rollender Uterus, der sich von seinem biologischen Vorbild dadurch vorteilhaft unterscheidet, daß er mit Selbstbeweglichkeit und Autonomiegefühlen verbunden ist.Und es geht noch tiefer: Das Auto ist eine um den einzelnen Fahrer herumgebaute platonische Höhle mit dem Vorzug, daß man in ihr nicht angeschmiedet sitzt, sondern daß die fahrende Privathöhle Ausblicke auf eine vorbeigleitende Welt gewährt. Daneben gibt es auch phallische und anale Komponenten am Auto: das primitiv-aggressive Konkurrenzverhalten, das Aufprotzen und das Überholen, bei dem der andere, der langsamere, fast wie beim Stuhlgang, zum abgestoßenen Exkrement gemacht wird.

Dann wäre der Katalysator gleichsam die Windel der analen Lust?

Der Katalysator bringt eine Form der Reinlichkeitserziehung am automobilen Selbst mit sich. Lauter dunkle Motive, die beim zivilisierten Menschen blitzschnell aufbrechen, wenn er am…


Kostenfrei anmelden und weiterlesen:

  • 3 Artikel aus dem Archiv und regelmäßig viele weitere Artikel kostenfrei lesen
  • Den KUNSTFORUM-Newsletter erhalten: Artikelempfehlungen, wöchentlichen Kunstnachrichten, besonderen Angeboten uvm, jederzeit abbestellbar
  • Exklusive Merklisten-Funktion nutzen
  • dauerhaft kostenfrei