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Titel: Ästhetik des Reisens · von Brigitte Werneburg · S. 148 - 150
Titel: Ästhetik des Reisens , 1997

Allan Sekula
Fish Story

Von Brigitte Werneburg

Es ist der Blick von der Brücke, der die aufgeräumte Übersichtlichkeit des „Panorama, Mid-Atlantic“ schafft. Mit diesem Foto eröffnet Allan Sekula sein Fotoprojekt „Fish Story“, wie es auch als Buch vorliegt.* Nur der Bug des Containerschiffs schiebt sich wie ein Keil in den weitgespannten Horizont: Melancholie eines Kalenderblattfotos.

Was die maschinell gestapelten und algorithmisch ausbalancierten Container transportieren, ist nicht erkennbar. Sie könnten anorganische Rohstoffe oder Sojabohnen bergen. Ebensogut könnten sie eine der modernen, computerisierten Fabrikanlagen enthalten, die ruhelos von A nach B nach C und weiter verschoben werden – auf der Suche nach billigen Arbeitskräften oder einem Produktionsstandort in Verbrauchernähe. Denn nicht nur Menschen und Güter gehen auf Reisen, auch Produktionsanlagen sind zu mobilen Einheiten mutiert. Die Rationalisierung des Transports und die Globalisierung der Volkswirtschaften gehen Hand in Hand (erinnert sei an die unsichtbare Hand Adam Smiths).

Smiths Metapher für eine sich selbst regulierende Ökonomie hat im Zuge eines anti-interventionistischen Wirtschaftens und eines neoliberal deregulierten Marktes wieder an Beliebtheit gewonnen. Neuerdings hat sie auch an Anschaulichkeit gewonnen, und sie zeigt sich in Sekulas Fotografien von den menschenleeren, vollautomatisierten Hafenanlagen in Rotterdam als gegenwärtige technisch-industrielle Wirklichkeit.

Doch noch ist Allan Sekula mit der Sealand Quality auf hoher See. „Panorama, Mid-Atlantic“ könnte als böse Allegorie auf Smiths Invisible Hand gelesen werden. Der Horizont, dem das Schiff entgegenfährt, ist kein offener. Über dem Meer türmen sich die graublauen Wolkenberge einer Kältefront, die das maritime Geltungsgebiet des neoliberalen Wirtschaftskalküls durchzieht. Und neben dem rotgesprenkelten Bug des Containerschiffs erkennt man plötzlich in der Ferne eine steuerlos dahintreibende Segelyacht.

In den anschließenden Bildern ist sie an der Sealand Quality festgemacht. Es handelt sich um das amerikanische Boot Happy Ending, dessen Eigner an Bord tot aufgefunden wird, während von seiner mit ihm segelnden Frau jede Spur fehlt. Nicht unbedingt das glückliche Ende einer geplanten Überfahrt von Nordamerika nach Irland.

Noch muß man mit dem Abenteuer auf See rechnen, der Gefahr, dem Tod. Die ganze Geschichte aber gibt es bei Sekula nicht. Nur das Zitat einer Zeitungsnotiz, der zu entnehmen ist, daß der Schiffseigner unter mysteriösen Umständen ums Leben kam, und drei Fotografien.

Wie in Sekulas künstlerischer Feldforschung im Bereich der internationalen Handelsschiffahrt überhaupt – einer Beobachtung über den langen Zeitraum von sechs Jahren hinweg – ist der ästhetische Gestus auch hier von schlichter Alltäglichkeit. Sekula vermeidet den restriktiven, dogmatischen dokumentarfotografischen Code des Schwarzweiß. Von ihm meint einer der Schiffsleute anläßlich des Zwischenfalls mit der Happy Ending: „Schwarzweißfotos sagen die Wahrheit. Deshalb benutzen sie die Versicherungsgesellschaften.“

Sekula fotografiert in Farbe, unauffällig, aber keinesfalls unelegant. Es gibt kein Kokettieren mit der touristischen Amateurfotografie. Vielmehr zeigt sich in Sekulas Fotografien ein puritanischer Sinn von Schönheit. Seine Fotografie ist ein neuerlicher Test, mit Walter Benjamin zu sprechen, auf die Geistesgegenwart des Mediums.

Und das heißt, die Genres des Dokumentarismus oder der konzeptuellen Fotografie aufzubrechen. Es heißt, die Fotografie als diskursive Praxis zu betreiben, was nicht nur ihre – wiederum von Benjamin konstatierte – notwendige Beschriftung betrifft, sondern überhaupt die Reflexion der Strategien des Sprechens, Schreibens, Abbildens meint, samt deren sozialen, politischen und ästhetischen Implikationen.

Der Rekurs vom Sichtbaren auf das Sagbare und umgekehrt gibt uns davon ein Bild, eine Erzählung und einen großen Essay, „Dismal Science I und II“, in welchem Sekula das Panorama der Geschichte der Seefahrt und ihrer politischen wie ästhetischen Repräsentation weit auffächert. (Als „Traurige Wissenschaft“ hatte übrigens Thomas Carlyle 1840 die Politische Ökonomie gegen die „Fröhliche Wissenschaft“ der Poesie abgegrenzt.)

Dem Panorama eignet heute die Melancholie vergangener historischer Größe. Die industrielle Modernisierung hat, so Allan Sekula, die Einheit des klassischen maritimen Panoramas zerstört. Heutiges Wissen ist Detail und Datenverarbeitung. Damit existiert das Schiff, das konkret wie metaphorisch immer als autonomer, in sich totaler Raum gesehen wurde, nicht mehr.

Schiffe können sich nicht mehr selbst entladen, sie sind Teil eines komplexen Maschinenapparates an Land. Das Meer als Raum eigenen Rechts und eigener Größe, die Freiheit des Meeres, ist verschwunden. Das Schiff ist nur ein Baustein einer weltweiten logistischen Struktur. Die große Fahrt des Kapitals streift immer den nämlichen Ort, heißt der Hafen nun Rotterdem, Hong Kong, San Diego, Barcelona oder Gdansk. Reisen heißt immer schon angekommen sein, am gleichen Ort globaler Standardisierung, Rationalisierung und Deindustrialisierung.

Diesem Eindruck der Bewegungslosigkeit sekundiert eine Analyse, die zuletzt Furore machte und besagt, daß die Bilder die Wirklichkeit spurlos zum Verschwinden bringen, daß selbst der Krieg ein Videospiel ist, dem in der Wirklichkeit nichts entspricht. Aber wenn es nur die Schuld der allenthalben verfügbaren Bilder wäre, daß die Welt gleichermaßen verfügbar ist und die Reise kein Fortkommen mehr verbürgt, gäbe es ja noch Hoffnung.

Sekulas Annäherung an das Schiff, den Container, die Seeleute, Werftarbeiter und Docker, fächert seine Beobachtungen nicht in eine Vielzahl von Bildern auf, wie es der Fotojournalismus tut, der filmisch werden will und mehr Bewegtheit suggeriert als unsere heutige Mobilität tatsächlich liefert. Sekulas Beobachtungen haben ihre je eigene Bühne. Trotzdem stehen sie nicht für sich allein, sondern sie fügen sich locker zu einer Erzählung, die sich nicht zuletzt von Ausstellung zu Ausstellung fortschreibt.

Die immer neuen Räume in Hafenstädten und Handelszentren wie Los Angeles, Stockholm, Glasgow, Calais oder Rotterdam verlangen eine jeweils neue Montage, ermöglichen eine jeweils andere Installation von Diaprojektion, Text und Still an der Museumswand. Die Kunst läßt sich, wie alles andere auch, in Container und Behälter verpacken. Damit wird sie mobil und eine Ware. (Die fototheoretische Untersuchung dazu liefert Allan Sekulas „The Traffic in Photography“.)

Demnach ist „Fish Story“ auch der Versuch, der Standardisierung des visuellen Güterverkehrs zu entkommen. Die Fotografie, die eine bildungsbürgerliche Reisende ist, und noch öfter eine kleinbürgerliche Touristin, wäre im Idealfall dann auch die Nomadin, die immer Andere – und schließlich die Fremde, die „heute kommt und morgen bleibt“ (Georg Simmel).

* Allan Sekula: Fish Story, Richter Verlag, Düsseldorf 1995

Überarbeitete und stark gekürzte Textfassung eines Vortrags anläßlich des XVI. Symposiums über Fotografie: „Allan Sekula – Fish Story. Fotografie zwischen Diskurs und Dokument“, Forum Stadtpark, Graz: 18. bis 20. Oktober 1996. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Autorin und von „Camera Austria“. Brigitte Werneburg ist Kulturjournalistin in Berlin („Tages-Zeitung“) und Korrespondentin für „Art in America“.

von Brigitte Werneburg

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