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Titel: Ästhetik des Reisens · von Peter Bexte · S. 138 - 147
Titel: Ästhetik des Reisens , 1997

Peter Bexte
Fluchtlinien

Die Mythen des Horizonts oder das Fazit der Perspektiven

»Auf die Schiffe, ihr Philosophen!«
Friedrich Nietzsche

NAVIGARE NECESSE EST. Beim Element genommen, ordnet Reisen sich zu Erde, Wasser, Luft, und zwar in dieser Reihenfolge. Im Unterschied zur Antike lag der Inbegriff neuzeitlichen Reisens in der Seefahrt. Herodot und Alexander der Große zogen über Land. Erst die Neuzeit hat sich dem Meer verschrieben, und zwar im wörtlichsten Sinne: indem sie es verschriftlichte.

Mit Logbuch, Seekarte und nautischen Rechentabellen ließ sich ein Raum be- und also erschreiben, an dessen Horizont die ständig Neue Welt liegt. Antike Schiffahrt war nur Küstenschiffahrt. Erst die Möglichkeiten abstrakter Orientierung im spurlosen Element haben den Blick endgültig vom Land zum leeren Horizont da draußen umgewendet und solchermaßen auf die Bahn der Fluchtlinien geschickt, die sich per definitionem im Unendlichen schneiden – dort, irgendwo hinter dem Horizont.

Es muß wie ein Schock gewesen sein: auf einmal das Unendliche nicht mehr im Himmel über dem Kopf zu haben, sondern am Horizont vor Augen. Nun erst schwebt der Geist wahrlich über dem Wasser als ständig uneinholbares Gespenst auf der anderen Seite der Demarkationslinie – Synthese aus Himmel und Erde, Nähe und Ferne. Durch die Überkreuzung dieser Vier wird Fernweh generiert als das Kreuz, an welchem Reisen nunmehr trägt. Im unberührbaren Zentrum dieser Kreuzung, in der Schamfalte des Horizonts hat ein verzehrendes Begehren sich eingenistet, welches das Subjekt in Fahrt bringt.

“Im Horizont des Unendlichen. – Wir haben das Land verlassen und sind zu Schiff gegangen! Wir haben die Brücken hinter uns, – mehr noch,…


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