Titel: Ästhetik des Reisens , 1997

Michael Rutschky

Das Auto ist eine Kamera

»Transfiguration Of The Commonplace«
oder Autofahren als Kulturelle Praxis

Das Taxi, das dich zum Flughafen bringt, ist ein Kleinbus (oder „Van“), den seine Route an mehreren Hotels vorbeiführt, wo er verschiedene Reisende aufnimmt, die heute zurückfliegen wollen.

Du bist also nicht allein in dem Taxi, sondern Mitglied einer Gruppe von Fremden, die der Zufall zusammenführte aufgrund eines einzigen gemeinsamen Merkmals: Sie wollen heute abreisen, sie sind dabei, die Stadt wieder zu verlassen. In zwei Stunden wird sie hinter ihnen liegen und Teil ihrer Vergangenheit sein.

So sind es Abschiedsblicke, die du aus dem Taxi auf die Stadt wirfst. Weil sie so bald Teil deiner Vergangenheit sein wird, hat sie bereits ein wenig an Präsenz eingebüßt – oder umgekehrt: Sie beginnt schon, sich von dir, der du ein paar Tage ihr Bewohner warst, abzuwenden. Längst beseitigen die Putzfrauen deine Spuren im Hotelzimmer; der nächste Gast möchte es so vorfinden, als hättest du nie darin gehaust. Was von dir versehentlich dort verblieb, erscheint ihm als Schmutz.

Die fette alte Dame, die jetzt einsteigt, lächelt dich an; es hat auch mit anderen Fahrgästen Begrüßungen gegeben, als müsse, über den Zufall des gemeinsamen Abreisens hinaus, die Gruppe Bindungen eingehen. Sie wuchs, während deine Präsenz in der Stadt und ihre Präsenz für dich abnimmt; sie wurde ein eigenes Wesen von eigener Dichte, das sich erst mit der Ankunft am Flughafen auflöst. Und das endgültig. Wenn du die fette Dame in deinem Flugzeug nach Berlin erneut antriffst, ist jede Vertraulichkeit verschwunden.

Bleibt der Taxifahrer. Er verkörpert massiv…

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von Michael Rutschky

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