Titel: Ästhetik des Reisens · von Renate Damsch-Wiehager · S. 160
Titel: Ästhetik des Reisens , 1997

Joseph Kosuth

Eine Fahrkarte für das Denken

Von Renate Damsch-Wiehager

In seiner für die Außenfront des Stuttgarter Hauptbahnhofs konzipierten Arbeit „Beschriebene Maßnahme (eine Widmung)“ verwendet Joseph Kosuth ein Satzfragment aus Hegels „Phänomenologie des Geistes“. Es lautet: „… daß diese Furcht zu irren schon der Irrtum selbst ist.“ Georg Wilhelm Friedrich Hegel wurde 1770 in Stuttgart geboren, wo er auch aufwuchs. Von 1788 bis 1793 studierte er, u.a. mit Schelling und Hölderlin, im Tübinger Stift Philosophie und Theologie. Die „Phänomenologie des Geistes“, in Jena verfaßt und erschienen 1807, ist das erste philosophische Hauptwerk Hegels.

Das von Kosuth verwendete Zitatfragment ist dem zweiten Absatz der Einleitung in die „Phänomenologie“ entnommen. Der ganze Satz lautet: „Inzwischen, wenn die Besorgnis, in Irrtum zu geraten, ein Mißtrauen in die Wissenschaft setzt, welche ohne dergleichen Bedenklichkeiten ans Werk selbst geht und wirklich erkennt, so ist nicht abzusehen, warum nicht umgekehrt ein Mißtrauen in dies Mißtrauen gesetzt und besorgt werden soll, daß diese Furcht zu irren schon der Irrtum selbst ist.“

Hegel formuliert hier eine Metakritik an der Kritischen Philosophie Kants, die vor dem Erkennen das Prüfen der Erkenntnis gesetzt und eine Trennung zwischen dem Vollzug des Erkennens und dem erkennenden Subjekt behauptet hatte. Dem setzt Hegel entgegen, daß die Grenzen der Vernunft zu erkennen bereits Erkenntnisfähigkeit voraussetzt, daß Erkenntniskritik im Vollzug von Erkenntnis stattfindet. Objektive Erkenntniskritik und subjektive Erkenntnisfähigkeit sind also nicht voneinander zu trennen. Aus dieser Einsicht heraus kann Hegel denn auch am Schluß des zitierten Absatzes formulieren, daß, „was sich Furcht vor dem Irrtume nennt, sich eher als Furcht…

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