Titel: Museumsboom - II. Museum global · von Emmanuel Mir · S. 130
Titel: Museumsboom - II. Museum global , 2018

Das Museum im Zeitalter seiner neoliberalen Verwertbarkeit

Die Durchökonomisierung der Gesellschaft ist in den europäischen und US-amerikanischen Museen angekommen

von Emmanuel Mir

Wer einen synthetischen Blick auf museale Entwicklungen in Europa und Nordamerika wirft, wird auf neoliberal forcierte Tendenzen stoßen. Auf die Gefahr hin, den N-Begriff – diese Vogelscheuche der traditionell linksorientierten Kunstkritik – überzustrapazieren, weisen wir einerseits auf den Wachstumsdruck und Wachstumswillen von sehr großen, komplexen Strukturen wie Tate, Le Louvre, Guggenheim oder Eremitage hin, die von einer ökonomischen Logik getrieben und teilweise wie Holdings mit internationalen Ablegern geführt werden. Anderseits stellen wir eine nicht endende Museumsgründungsfreude seitens privater Sammler fest, die die von der öffentlichen Hand und ihrer kulturpolitisch gewollten Ohnmacht hinterlassenen Lücken schließt. Bezogen auf Museen, ist die Neoliberalismus-These keineswegs neu. Ohne ihre N-Etikettierung war sie ein Bestandteil der Institutionskritik der 1980er und 1990er Jahre, vage von Benjamin Buchloh und deutlich konkreter von Hilmar Hoffmann benannt.1 Insofern muss das Rad hier nicht neu erfunden werden. Es geht in erster Linie darum, auf die Intensivierung und Ausdehnung des Phänomens aufmerksam zu machen.

Kommerzialisierung

Wenn wir die Tendenz zum Franchising nehmen, jene auffällige Strategie von Großmuseen der nördlichen Hemisphäre zur Eroberung neuer Märkte, fällt einem sofort der bekannte und einst brisante Fall Guggenheim ein. Thomas Krens, der langjährige Generaldirektor der Guggenheim Foundation, ging in den 1990er Jahren mit einer an Aggressivität grenzenden Entschlossenheit zu einer totalen Ummodellierung seiner Institution über und etablierte das mittlerweile ausführlich kommentierte „Guggenheim-Prinzip“. Zusammengefasst: Ein mit einer sehr reichhaltigen Sammlung ausgestattetes Museum kreiert weltweite Dependancen, in denen Leihgaben aus…

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