Titel: Museumsboom - II. Museum global · von Tobias Wendl · S. 100
Titel: Museumsboom - II. Museum global , 2018

Museumsneubauten in Afrika

von Tobias Wendl

Geht der aktuelle Museumsboom an Afrika vorbei? Oder zeigt er sich hier nur verhaltener und eher punktuell? Im Wettbewerb um globale Touristenströme ist das City-Branding mit Hilfe spektakulärer neuer Museums- und Theaterbauten inzwischen eine fixe Größe in den Planungsszenarien von Stadtentwicklern und Politikern. Dass sich dabei ein neuer „Art-Architecture“-Komplex1 herausgebildet hat mit weltweit agierenden Star-Architekten, deren Bauten als monumentale Landmarken den Status eigenständiger Kunstwerke genießen und die der ausgestellten Kunst schon fast den Rang streitig machen, ist ebenso offensichtlich wie die Problematik eines damit oft einhergehenden, unter der Chiffre des Universalismus verborgenen Hegemoniestrebens westlicher Museen, die durch ihre Dependancen und die Politik des Franchising zu global agierenden Unternehmensmarken mutieren. Am deutlichsten abzulesen sind diese Entwicklungen zweifelsohne im neuen Cultural District Sadiyaat in Abu Dhabi2. In Afrika zeigen sich diese Veränderungen in der politischen Ökonomie der Museumslandschaft weniger ausgeprägt, wenngleich die neoliberalen Strukturanpassungsprogramme und Sparvorgaben von IMF und Weltbank auch hier die Handlungsspielräume der staatlichen Akteure massiv eingeschränkt haben und zugleich verstärkt private Investoren und Stiftungen – meist aus der Diaspora – mit kleineren Kunsträumen und Privatmuseen auf den Plan gerufen haben3. Betrachtet man die derzeit fertiggestellten oder vor ihrer Eröffnung stehenden Großprojekte, so fällt auf, dass sie sich im Wesentlichen auf drei Länder konzentrieren: auf Ägypten, Marokko und Südafrika – jene Länder also, die laut Statistiken der Welttourismusorganisation (UNWTO) zusammen etwa für drei Fünfte l der jährlich 50 Millionen nach Afrika Reisenden als Destination dienen. Dabei ist anzumerken, dass die Touristenzahl in Ägypten durch die anhaltende Politikkrise seit 2011 gefallen ist (von 14 Millionen 2010 auf knapp 10 Millionen 2015), in Marokko (10 Millionen) und Südafrika (9 Millionen) jedoch beständig steigt4.

Kleiner Exkurs zur Museumsgeschichte in Afrika

Kunstmuseen spielten in Afrika – abgesehen von einzelnen wenigen Ländern wie Ägypten, Algerien, Südafrika und Simbabwe – bis in die letzten Dekaden des 20. Jh. kaum eine Rolle. Zwar erlebte das sub-saharische Afrika im Zuge der Dekolonisierung und der anschließenden Phase des Nationbuildings in den 1960er Jahren einen ersten Museumsboom, doch waren für die damals unabhängig gewordenen Staaten Museen, die der nationalen Einheit und Geschichte gewidmet waren, weitaus dringlicher5. Eines der seinerzeit aufwändigsten Neubauprojekte war das von Maxwell Fry und Jane Drew im Stil des späten „Tropical Modernism“ entworfene und 1957 eingeweihte ghanaische Nationalmuseum in Accra6. Meist aber handelte es sich um Umwidmungen vormals kolonialer Museen in Nationalmuseen etwa in Abidjan, wo das in den 1940er Jahren gegründete ethnografische Museum des Institut francais de l’Afrique noire IFAN im Unabhängigkeitsjahr 1960 in „Musée national de Côte d’Ivoire“ umbenannt wurde. Oder in Daressalam; dort wurde das 1940 von den Briten inaugurierte George V Memorial Museum 1965 erweitert und anschließend als „National Museum of Tanzania“ ausgewiesen. Mitunter fiel die Eröffnung neuer Museen und Nationaltheater auch mit der Ausrichtung von Kunst- und Kulturfestivals zusammen. Das gilt etwa für das „Musée Dynamique“ in Dakar, das in Form eines monumentalen Peristyls von den Architekten Chesneau und Verola entworfen und 1966 anlässlich des „Premier Festival mondial des Art nègres“ eingeweiht wurde7; aber ebenso wie für das nigerianische Nationaltheater in Lagos, das 1977 von der bulgarischen Firma Technoexportsroy als Replik des Sport- und Kulturpalasts in Varna (1968) für das FESTAC-Festival errichtet wurde und neben Räumlichkeiten für Großveranstaltungen auch einen eigenen Ausstellungsbetrieb unterhielt8. Beide Gebäude werden heute anderweitig genutzt: das Musée Dynamique beherbergt seit 1983 den obersten Berufungsgerichtshof des Senegal, und das Nationaltheater Nigerias wurde 2014 an eine Investorengruppe aus Dubai verkauft, die plant das Gebäude in eine Shopping Mall zu konvertieren.

Pharaonische Ausmaße: das „Grand Egyptian Museum“ in Gizeh

Unter den rezenten Bauvorhaben ist der Neubau des „Grand Egyptian Museum“ auf einem 490.000 m2 großen Gelände unmittelbar nördlich der Pyramiden von Gizeh das mit Abstand größte, spektakulärste und teuerste Museumsprojekt in Afrika. Der im Juni 2003 von einer internationalen Wettbewerbsjury unter Schirmherrschaft der UNESCO prämierte Siegerentwurf von Heneghan Peng Architects aus Dublin sieht einen pfeilförmigen Baukörper mit einer Grundfläche von 93.000 m2 vor, von der knapp ein Drittel für die Dauerausstellung vorgesehen ist (das Doppelte der Fläche des 1902 in der Kairoer Innenstadt erbauten neoklassizistischen Ägyptischen Museums). Direkt angeschlossen sind ein internationales Forschungs- und Konferenzzentrum mit eigener Bibliothek sowie die Magazine, in denen bis zu 50.000 Objekte aufbewahrt werden können. Allein die Restaurierungswerkstätten beanspruchen rund 7.000 m2 Fläche. Außerdem erhält der Komplex eine Reihe von Nebengebäuden mit Restaurants, Cafés, Shops, einer Energiezentrale, Feuerwache, Parkplätzen sowie einen aufwändig gestalteten Landschafts- und Skulpturengarten.

Das Grand Egyptian Museum wird das weltgrößte archäologische Museum für Exponate der ägyptischen Antike sein. Ausgelegt sind die Planungen für bis zu fünf Millionen Besucher pro Jahr und damit mehr als doppelt so viele wie im alten ägyptischen Museum in der Kairoer Innenstadt. Doch nicht nur die Größe und Konstruktion sind enorm, sondern auch die Kosten: die ursprünglich anvisierten 550 Millionen EUR reichen nicht aus; aktuell geht man von einer Gesamtsumme von über einer Milliarde EUR aus. Der zunächst anvisierte Eröffnungstermin 2011 musste mehrfach verschoben werden. Die aktuellen Planungen sehen eine erste Teileröffnung für das Jahr 2018 vor.9

Moderne Kunst in Kairo, Algier, Rabat und Marrakesch

Die staatliche Sammlung moderner Kunst wird seit 1986 in Kairo im Gezira Center for Modern Art, in einem aufwändig renovierten Palastgebäude (1936 von dem Architekten Moustafa Bey Fahmi erbaut) unweit des Opernhauses präsentiert. Hier sind wichtige Vertreter der ägyptischen Moderne zu sehen, etwa Mahmoud Mokhtar, Ragheb Ayyad, Mohammed Naghi, Inji Eflatoun, Abdel Hadi el-Gazzar oder Mahmoud Said.

Im Vergleich mit dem bereits 1930 eröffneten Musée national des Beaux Arts in Algier nimmt sich die Kairoer Sammlung jedoch eher bescheiden aus – sowohl im Hinblick auf die geografische Breite als auch die zeitliche Tiefe. Zudem wurde in Algier für die zeitgenössische Kunst 2007 noch eine weitere Dependance in dem früheren Kaufhaus Galeries de France eröffnet, das MAMA (Musée d’art moderne d’Alger), das seit 2011 auch eine eigene Sammlung aufbaut und sich durch ein ambitioniertes Programm mit Einzel- und Gruppenausstellungen von KünstlerInnen aus maghrebinischen Ländern profiliert9. Geplant ist in Algier zudem der Bau eines neuen historischen Museums (Grand Musée d’Afrique), das der Geschichte des gesamten Kontinents gewidmet ist und an dem sich die Mitglieder der afrikanischen Staatengemeinschaft OAU mit Dauerleihgaben beteiligen werden.Beauftragt ist das Architektenbüro Agence Ready Made, Nadir Tazdaït10.

Architektonisch noch spektakulärer sind die Planungen von Zaha Hadid Architects im Auftrag König Mohammeds VI für das neue Grand Theatre im Herzen der marokkanischen Hauptstadt Rabat. Ausgeführt wurde dieses 120 Millionen Euro teure Projekt bislang nicht, und angesichts des von Mohammeds Vater Hassan II bereits begonnenen, aber bis heute nicht vollendeten Baus des pompösen Opernhauses in Marrakesch gibt es immer mehr kritische Stimmen, die den Nutzen hochtrabender Bauprojekte der Königsfamilie in Zweifel ziehen.

Unter architektonischen Gesichtspunkten deutlich weniger ambitioniert und konservativer ist das im Oktober 2014 in Rabat neu eröffnete Musée Mohammed VI (MM6) für moderne und zeitgenössische Kunst: ein mit einer neo-maurischen Fassade überzogener, um einen großen Innenhof angelegter zweigeschossiger, aus vier Flügeln bestehender symmetrischer Baukörper, der sich fast bruchlos in die spätkoloniale französische Stadtplanung von Rabats Innenstadt einfügt. Das domminierende Gestaltungselement des Architekten Karim Chakor sind die Sebkas, die auf schlanken Säulen ruhenden Rautenpaneele, die sich auch in der Empfangshalle wiederfinden und die von außen Durchblicke auf die dahinter an den Außenwänden angebrachten Freske n ermöglichen. Es ist das erste und bislang einzige Museum in Marokko, das der modernen und zeitgenössischen Kunst gewidmet ist, eine eigene Sammlung aufbaut und zudem im Hinblick auf Ausstellungs-, Archivierungs- und Klimatechnik den aktuellen museologischen Standards entspricht. Das Museum eröffnete mit der Ausstellung „100 ans de création au Maroc“ (100 Jahre Kunstschaffen in Marokko), in der die Geschichte der modernen Kunst Marokkos in einem in vier Perioden gegliederten Parcours präsentiert wurde11. Das Museum unterhält strategische Partnerschaften mit der Smithsonian Institution in Washington D.C. und dem Louvre in Paris, von dem es auch die dort konzipierte Le Maroc mediéval – Un empire de lAfrique à lEspagne (Das mittelalterliche Marokko – ein Reich zwischen Afrika und Spanien) übernahm. Weitere Projekte waren den aktuellen Entwicklungen von Street Art und Graffiti in Nordafrika (Main Street 2015) sowie in Kooperation mit dem Centre Georges Pompidou den Bildhauern César Badaccini (2015 – 16) und Alberto Giacometti (2016) gewidmet.

Unter den neuen Privatmuseen ist das Musée Yves St. Laurent in Marrakesch (mYSLm) erwähnenswert, das im Oktober 2017 eröffnen wurde. Es ist ein Projekt der Fondation Pierre Bergé Yves Saint Laurent, die bereits 1980 den Botanischen Garten und das Haus des französischen Malers Jacques Majorelle erwarb und dort das dem Kunsthandwerk der Amazigh gewidmete Musée berbère einrichtete. Der von Olivier Marty und Karl Fournier konzipierte Neubau mit einer Grundfläche von 4.000 m2 wird an die Gartenanlage angrenzen und sowohl eine Dauerausstellung zum Schaffens des in Algerien aufgewachsenen Modemachers zeigen als auch Wechselausstellungen. Die Eröffnungsschau ist Jacques Majorelle gewidmet . Das Museum versteht sich als Kulturzentrum – mit eigenem Auditorium, Bibliothek, Boutique und Café-Restaurant12.

Museumsbauten in der Postapartheid-Ära Südafrikas

Südafrika erlebte nach dem offiziellen Ende der Apartheid 1994 eine Welle tiefgreifender Erneuerungsprozesse. Architektur und Stadtplanung waren vor die Aufgabe gestellt, die älteren Strukturen getrennter Entwicklung aufzubrechen und neue Monumente der Versöhnung zu schaffen. Es galt, die einstige Segregation zu überwinden und den ausgegrenzten Gruppen Zugang zu Wohnraum, Bildung etc. zu verschaffen, neue Identifikationsmöglichkeiten zu erzeugen, und schließlich die demokratische Verfasstheit des neuen Südafrikas durch Bauten mit symbolischem Gehalt zu unterstreichen wie etwa das neue Verfassungsgericht in Johannesburg, das auf dem Gelände eines ehemaligen kolonialen Forts und berüchtigten Gefängnisses errichtet wurde13 oder das 2001 eröffnete Apartheidmuseum auf dem Gelände der Gold Reef City, das im Gegenzug für eine Lizenzvergabe an das Gold Reef Spielkasino von der Betreiberfirma finanziert wurde. Wichtige Schwerpunkte des stark auf Immersionseffekte zielenden Museumsparcours sind die Auflösung des legendären Johannesburger Stadtteils Sophiatown 1955 bis 1963 und der Schüleraufstand in Soweto 1976.

Im Bereich der Kunstgeschichtsschreibung begannen erste Revisionen Ende der 1980er Jahre mit der Ausstellung „The Neglected Tradition“14. Sie erfuhren durch die 1995 und 1997 in Johannesburg abgehaltenen Biennalen weitere Impulse, und auch die vormals äußerst konservative und fast ausschließlich den weißen SiedlerkünstlerInnen gewidmete Sammlungspolitik der großen Kunstmuseen (National Gallery in Kapstadt seit 1871, Durban Art Museum seit 1892 und Johannesburg Art Gallery seit 1910) begann sich zu verändern. 1994 eröffnete das in einer früheren Markthalle im Johannesburger Stadtteil Newtown untergebrachte Museum Africa, das seitdem regelmäßig Wechselausstellungen zur Kunst- und Kulturgeschichte Südafrikas ausrichtet. 2011 wurde am Rande des Campus der University of Witwatersrand der Neubau des Wits Art Museums in Betrieb genommen, dessen Sammlungsbestände zur alten und älteren Kunst Afrikas zu den bedeutendsten auf dem Kontinent gehören15.

Das spektakulärste Kunstmuseums Südafrikas ist sicherlich das Zeitz MOCAA in Kapstadt, an der exquisiten Victoria & Albert Waterfront gelegen, das im September 2017 mit großem internationalen Medienecho eröffnet wurde. Untergebracht ist es in einem 57 Meter hohen und teilentkernten Getreidesilo, dem einstigen Wahrzeichen des Hafens von Kapstadt. Mit einer Gesamtfläche von 9.500 m2 entstand hier das weltweit größte und modernste, der zeitgenössischen Kunst Afrikas gewidmete Museum. Das Projekt ist eine Kooperation zwischen dem ehemaligen Puma-Chef und Kunstsammler Jochen Zeitz, dessen Stiftung dem Museum seine bedeutende Privatsammlung zeitgenössischer afrikanischer und afrodiasporischer Kunst für einen Zeiraum von 20 Jahren übertrug und einen jährlichen Mitteletat für den Ausstellungsbetrieb und Sammlungszukäufe zur Verfügung stellt, und den Gesellschaftern des V&A Waterfront Konsortiums, das die Baukosten in Höhe von fast 33 Millionen Euro übernahm. Beauftragt wurde der britische Stararchitekt Thomas Heatherwick, der durch seine hydraulische Rolling Bridge in London Furore machte. Für die Sammlungserweiterung und den Ausstellungsbetrieb verantwortlich ist Mark Coetzee, der von 2000 bis 2008 die Rubell Family Collection in Miami betreute.

Heatherwicks Entwurf sah vor, die 42 senkrecht stehenden Betonröhren des einstigen Getreidesilos in neun Etagen umzuwandeln. Davon werden nun vier Etagen für den Ausstellungsbereich genutzt, eine Etage für kunstedukative Programme, Bibliothek, Leseräume, Museumshop und Restaurant. Auf dem Dach gibt es eine Skulpturengarten. In den oberen Etagen des angegliederten ehemaligen Verwaltungsturms entstand das bereits im März 2017 eröffnete Luxushotel Silo, das über einen getrennten Eingang erreichbar ist. Das eigentliche Herzstück des Museums ist der kathedralenartig in die Höhe strebende Foyerbereich mit den Konturen eines Maiskolbens. Hier wurden einige der jeweils fünfeinhalb Meter breiten Betonröhren als Verweise auf die historische Silostruktur erhalten. Die Röhren wurden ellipsenförmig angeschnitten und mit Hilfe von Glasaufzügen und Wendeltreppen in vertikale Erschließungswege innerhalb des Gebäudes konvertiert. Eine aufwändig gefertigte Verglasung verwandelt den Bau nachts in eine weithin sichtbare Signalleuchte 16.

Der Standort des Museums ist strategisch klug gewählt, ziehen die vielfältigen Shopping- und Entertainment-Angebote an der Waterfront pro Jahr doch an die 24 Millionen Besucher an. Jochen Zeitz, der sich mit dem Bau ein Denkmal setzt, rechnet zukünftig mit jährlich wenigstens einer Million Museumsbesucher. Doch es gibt auch kritische Stimmen, die die mangelnde Einbeziehung einer breiteren Öffentlichkeit an der Planung monieren. In einem im März 2015 auf der Web-Plattform artthrob veröffentlichten offenen Brief an den Museumsgründer und seinen Chefkurator äußerte der Kunstkritiker Matthew Blackman seine Befürchtung, dass das Museum die künstlerische Vielfalt Afrikas kunstmarktkonform nivelliere und er fügte hinzu: „Eine Kritik, mit der das Zeitz MOCAA unweigerlich konfrontiert sein wird, ist, dass es sich hier um die Kopie eines westlichen Museums handelt. Es basiert auf einer von einem Europäer gestifteten Sammlung (Jochen Zeitz), wurde von einem Europäer (Thomas Heatherwick) entworfen und wird von einem weißen Südafrikaner (Mark Coetzee) kuratiert. Da sollten die Alarmglocken läuten.“ 17

Museums-Neugründungen bergen in Südafrika immer wieder Konfliktpotenzial. Das bekannteste Beispiel dafür ist das einem Township von Port Elisabeth, errichtete „Red Location Museum of Struggle“. Das Gelände wurde bereits kurz nach dem Ende der Apartheid vom ANC als potentieller Erinnerungsort des Befreiungskampfes ausgewählt. Der von Jo Noero und Heinrich Wolff entworfene, 2006 fertiggestellte und mehrfach ausgezeichnete Museumsbau, der durch sein mit Oberlichtern versehenes Pultdach und die schlichten Materialien an eine Fabrikhalle erinnert, sollte – so die Intention der Planer – Schwellenängste der Township-Bewohner überbrücken, die während der Apartheit von allen „(hoch-)kulturellen“ Einrichtungen ausgeschlossen waren. Doch kam es 2013 im Township von New Brighton zu heftigen Protesten gegen das Museum und die weiteren Planungen. Der ANC-Regierung wurde vorgeworfen, dass sie die Belange der Bewohner ignoriere und stattdessen ein Luxusmuseum für die toten Helden des Anti-Apartheid-Kampfes erbaue: „We are living in shacks which get flooded each time it rains … and yet the municipality spends millions of rands building a museum. (…) Why build a house for dead people, when we, the living, do not have a roof over our heads?“18 Die Bewohner drohten mit Gewalttaten und begannen Teile des Gebäudes zu demolieren und brauchbare Baumaterialien zu entwenden. Seit 2014 ist der einstige Touristenmagnet geschlossen. Er mutierte zu einem „weißen Elefanten“ in einem weiterhin marginalisierten Teil der städtischen Agglomeration19.

Ausblick: Planung neuer Erinnerungsorte des transatlantischen Sklavenhandels im Senegal und Ghana

Seit den 1980er Jahren verzeichnen einige Länder Westafrikas eine steigende Anzahl afroamerikanischer Roots-Touristen. In Ouidah/Benin wurde 1993 das „Slave Route Project“ mit der als Tor konzipierten monumentalen „Door of No Return“ initiiert und der Küstenstreifen als UNESCO-Kulturerbe ausgewiesen. Auf der der senegalesischen Hauptstadt Dakar vorgelagerten Insel Gorée wurde das „Maison d’Esclaves“ sukzessive zu einem Museum ausgebaut, die heute von durchschnittlich 500 Touristen pro Tag besichtigt wird. Ähnliche Besucherzahlen verzeichnen auch die historischen Sklavenfestungen Elmina und Cape Coast in Ghana20. Die Politik hat dieses Potenzial erkannt und entsprechende Pläne zum Bau einschlägiger Museen und Dokumentationszentren vorgelegt. Die beiden spektakulärsten Projekte stammen von Ottavio Di Blasi für Dakar und David Adjaye für Cape Coast. Di Blasi hatte bereits 1997 den von der UNESCO ausgelobten Wettbewerb gewonnen, doch wurde die Dringlichkeit des Projekts durch Abdoulaye Wade, dem von 2000 bis 2012 amtierenden Präsidenten Senegals, der sich durch eigene monumentalistische Bauten wie die „Renaissance africaine“, ein neues Nationaltheater und das „Musée des Civilisations noires“ zu profilieren versuchte, zurückgestellt und erst von dessen Nachfolger Macky Sall 2014 wieder aufgegriffen.

Di Blasis Memorial de Gorée, im Stadtteil Almadies und David Adjaye Museumsentwurf für Cape Coast21 sollen an den Sklavenhandel und das Leid von Millionen AfrikanerInnen erinnern. Wann die beiden Projekte wirklich eröffnet werden, ist gegenwärtig noch offen.

ANMERKUNGEN
1 Hal Foster, The Art-Architecture Complex. London: Verso 2013.
2 Jean-Loup Amselle, Le musée exposé. Paris: Lignes 2016.
3 Vgl. etwa die Fondation Zinsou in Benin mit Museumszweigstellen in Cotonou und Ouidah, das von Boubacar Koné und C.C. C. H. Pounder 1993 gegründete Musée Boribana in Dakar, Didi-Museum, Nike Art Center und CCA in Lagos oder Elimo Njaus Paa Ya Paa Museum in Nairobi. Sh. dazu auch: Kerstin Pinther u.a. (Hg.), New Spaces for Negotiating Art and History in Africa. Berlin: Lit 2015.
4 Vgl. http://www.e-unwto.org/doi/pdf/10.18111/9789284418145. Auf den Plätzen 4 und 5 folgen Tunesien und Algerien.
5 Zur Museumsgeschichte in Afrika vgl. Anne Gaugue, Les états africains et leurs musées. La mise en scene de la nation. Paris: l’Harmattan 1997 sowie Alexis B.A. Adande & Emmanuel Arinze (Hg.). Museums and Urban Culture in West Africa. Oxford: James Currey 2002.
6 Vgl. Mark Crinson, Nation-building, Collecting and the Politics of Display. The National Museum, Ghana. In: Journal of the History of Collections 13 no. 2 (2001) S. 231 – 250.
7 Vgl. Sylla Abdou, La tumultueuse histoire du Musée dynamique de Dakar. In: Africultures 1/2007 (n°70), S. 89 – 89.
8 Vgl. Andrew Apter, The Pan-African Nation: Oil and the Spectacle of Culture in Nigeria. Chicago: ChUP 2005.
9 Siehe die Projektwebsite des Architekturbüros: http://www.hparc.com/work/the-grand-egyptian-museum/
10 Vgl. http://archi-mag.com/wp/?p=1218
11 Mohammed Rachidi, Références et errances, in: Fondation nationale des musées (Hg.) : 1914 – 2014 Cent ans de création. Exposition inaugurale du Musée Mohammed VI Art moderne et contemporain. Rabat: MMVI 2014. S.10 – 20.
12 Vgl. http://www.fondation-pb-ysl.net/medias/fichier/musee_yves_saint_laurent_marrakech_le_projet_architectural_de_studio_ko.pdf
13 Vgl. Sarah Nuttal und Achille Mbembe (Hg.), Johannesburg, The Elusive Metropolis. Durham: Duke University Press 2008.
14 Steven Sack, The Neglected Tradition: Towards a New History of South African Art (1930 – 1988). Johannesburg Art Gallery 1989.
15 Annie E. Coombes, History after Apartheid: Visual Culture and Public Memory in a Democratic South Africa. Durham: Duke University Press 2003. Sowie: https://www.wits.ac.za/wam/
16 http://www.heatherwick.com/zeitz-mocaa/ und http://www.zeitzfoundation.org/
17 https://artthrob.co.za/2015/03/09/an-open-letter-tojochen-zeitz-and-mark-coetzee/
18 http://www.news24.com/SouthAfrica/News/PE-residents-force-anti-apartheid-museum-to-close-20140731
19 Vgl. Michelle Smith, Interment: re-framing the death of the Red Location Museum building (2006 – 2013). In: Kronos vol.42 n.1 Cape Town Nov. 2016 (http://dx.doi.org/10.17159/2309-9585/2016/v42a10
20 Für Ghana vgl. Katharina Schramm, African Homecoming: Pan-African Ideology and Contested Heritage. Walnut Creek: Left Coast Press 2010; für Senegal vgl. Hamady Bocoum & Bernard Toulier, La fabrication du Patrimoine : l’exemple de Gorée (Sénégal). In : In Situ [En ligne], 20 | 2013 ; http://insitu.revues.org/10303; DOI: 10.4000/insitu.10303.
21 http://www.adjaye.com/
Tobias Wendl

ist Professor für Kunst und Visuelle Kulturen Afrikas an der Freien Universität Berlin. Er promovierte 1990 im Fach Ethnologie an der LMU München. Nach verschiedenen Forschungs- und Lehrtätigkeiten in Paris, München, Köln und Frankfurt a.M. leitete er von 2001 bis 2010 das Afrikazentrum Iwalewa-Haus der Universität Bayreuth. Zahlreiche Ausstellungprojekte und Dokumentarfilme. Buchpublikationen u.a.: 9/11 and its Remediations in Popular Culture and Arts in Africa. Münster/Berlin: Lit-Verlag 2015, Snap me one! Studiofotografen in Afrika. München: Prestel 1998 (beide mit Heike Behrend) sowie Black Paris – Kunst und Geschichte einer schwarzen Diaspora. Wuppertal: Peter Hammer 2006 (mit Bettina von Lintig und Kerstin Pinther) und Africa Screams. Das Böse in Kino, Kunst und Kult. Wuppertal: Peter Hammer 2004.