Ausstellungen: Düsseldorf · von Heinz-Norbert Jocks · S. 308
Ausstellungen: Düsseldorf , 2005

Heinz-Norbert Jocks

Daumen Kino, The Flip Book Show

Kunsthalle Düsseldorf, bis 17. Juli

Was hat das in der Vergangenheit oft als billiger Scherzartikel verschenkte Daumenkino überhaupt mit Kunst und vor allem mit der zeitgenössischen zu tun, fragt sich der Schlechtunterrichtete auf der Fahrt zur Kunsthalle in Düsseldorf. Kaum eingetreten, gerät er in einen stundenlangen Sog des Blätterns und Wiederblätterns. Über die Bilder, die unter seiner Hand erneut das Laufen lernen, vergisst er alles Fragen. Offenbar ist das Taschenformatkino, das in Frankreich unter der amerikanischen Bezeichnung „flip book“ kursiert, an keine Zeit gebunden, also kein prähistorisches, sondern ein zeitloses Medium, das mühelos den Übergang vom Buch zum Kino bewerkstelligt. Es führt buchstäblich unmittelbar vor Augen, wie aus einem Bild, das gerade noch stillstand, plötzlich ein bewegtes und somit handliches Kino wird, das insofern der eigenen Kontrolle untersteht, als die Geschwindigkeit der Bilder von keinem Projektor, sondern manuell bestimmt wird. Lange Zeit als optisches Spielzeug abgetan, das sich an alle Altersgruppen wendet, wurde das Daumenkino von der Geschichte des Buches ausgespart. Erst mit Aufkommen künstlerischer Ausführungen wurde es den Animations-Büchern und in den sechziger Jahren den Künstlerbüchern zugeschlagen. So gelang dem Daumenkino, das sich als erster ein Drucker aus Birmingham namens John Barnes Linnett am 18.März 1868 patentieren ließ, der Sprung aus der Spaßecke in den Diskurs.

Wenn das Wenden eines Blattes Papier gemäß einer französischen Redensart für Vergessen steht, so deshalb, weil schnelles Blättern bei der Lektüre eines Buches wichtige Details übersehen lässt, während es beim Daumenkino einen visuellen Effekt und damit eine Illusion bewirkt….

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