Ausstellungen: Berlin , 1990

Der geraubte Schatten

Photographie als Ethnographisches Element

Völliges Neuland gibt es für Fotohistoriker heute nur noch selten. Ein solch rares Terrain ist die ethnografische Fotografie, die Dokumentation fremder Völker mit wissenschaftlichem Anspruch. Ein ganz spektakuläres Thema, dessen sich jetzt die Ausstellung „Der geraubte Schatten“ im Münchner Stadtmuseum annahm: der ungehobene Schatz eines schier uferlosen Bilderfundus schon allein in den Völkerkundemuseen Westeuropas, mehr als drei Jahre Vorbereitungszeit und, wie man hört, beträchtliche finanzielle Ressourcen – ideale Voraussetzungen also für ein außergewöhnliches Ausstellungsereignis. Der Erfolg schien vorprogrammiert. Im Endeffekt aber kann das Projekt kaum eine der hochgesteckten Erwartungen erfüllen.

Reiseberichte über ferne und fremde Länder hat es immer gegeben. Als Wissenschaft aber ist die Völkerkunde ein Kind des 19. Jahrhunderts, fast gleichaltrig mit der Fotografie. Die ersten ethnologischen Gesellschaften und Museen wurden um 1840 gegründet. Der erste Lehrstuhl für das Fach an einer deutschen Universität existiert in Berlin seit 1864.

Die Gründe, das Wissen über den Rest der Welt endlich exakter und systematischer zu gestalten, lagen auf der Hand. Europa erlebte eine neue Blütezeit seines Kolonialismus.

Beschleunigte Verkehrswege und -mittel rückten die Kontinente einander näher. Europas Bedarf an billigen Rohstoffen stieg sprunghaft. Seine technologische und militärische Überlegenheit legte es nahe, die Rohstoffgewinnung wo immer möglich in eigene Regie zu nehmen – am liebsten, indem man wachsende Teile der Welt dem Mutterland einfach einverleibte.

Die Beziehung von wissenschaftlicher Ethnologie und Kolonialismus besitzt daher drei Hauptaspekte. Einmal erleichterte die europäische Verwaltung den Zugang zu entfernten Weltregionen. Ethnographische Forschung verlor ihre Gefahren. Zum anderen half die Forschung der Kolonialverwaltung. Diese lernte…

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