Titel: Aktuelles Denken · S. 129
Titel: Aktuelles Denken , 1990

Gerhard Johann Lischka

Valie Export

V.E.: Es gab damals in den 60er Jahren in Wien weder eine Frau noch einen Mann, noch eine theoretische Auseinandersetzung, die sich mit Feminismus oder der Annäherung an eine spezielle feministische Sehweise an den ästhetischen Ausdruck beschäftigt hätte. So war ich in diesem Zusammenhang in Wien allein, habe aber die Zeitschriften und Bücher gehabt, die mir zugängig waren, und habe deshalb schon gewußt, daß es woanders diesen Kampf und diese Auseinandersetzung gibt. Und über die politischen Ereignisse im Jahre 1968 wurde auch klar, daß es eine Frauenbewegung gab. Die Linke hat sich aber wenig mit Kunsttheorie beschäftigt, weshalb ich Anfang der 70er Jahre in diesem Bereich tätig wurde. Zu dieser Zeit war die Aufarbeitung des Materials Weib sehr stark mit den Wurzeln, mit dem „Woher kommt es“, beschäftigt. Eine große Kraft kam von Amerika her, eine rücksichtslose Power, die auch ganz anders an die Kunstbetrachtung heranging.

G.J.L.: Wie sah denn damals in Wien das Klima für eine Frauenkünstlerin aus?

Man war ziemlich lange – außer im ganz engen Freundeskreis – nicht existent. Es wurde zwar wahrgenommen, daß man seine Auftritte hat, daß etwas auf der Leinwand flimmert, und da steht der Name drunter, doch es gab keine Auseinandersetzungen damit in den 60er Jahren. Selbst bei Bekannten (Kollegen) wurde die Arbeit an letzter Stelle vielleicht erwähnt, einmal, weil der Approach feministisch war, und zweitens, weil die Künstlerin als solche, die ja im Surrealismus schon anerkannt war, keinen Wert hatte. Der 2. Weltkrieg hat dieses Gefühl den Künstlerinnen gegenüber unterbrochen, das…

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