Titel: Aktuelles Denken , 1990

Gerhard Johann Lisckka

Felix Philipp Ingold

G.J.L.:Du kümmerst dich in deinen theoretischen Texten immer wieder um Autorenschaft, auch wenn es sich um den verschwindenden Autor handelt, um den im Text verschwin- denden Autor.

F.P.I.: Ja, seit Jahren bin ich hinter dieser Problematik her, und für mich hat sich daraus ein hochkomplexes Gebilde aufgebaut. Man geht ja davon aus, daß einer etwas zu sagen hat oder gar das Sagen hat, was ein diktatorisches Verständnis vom Autor ist. Der Autor wird auch als Diktierer begehrt; man will ihn zitieren, man will sich auf gewisse Autoren beziehen können, um sein eigenes Denken zu orten. Und mir gefällt das eigentlich nicht, und ich glaube auch, daß das längst überholt ist, daß das einfach nur noch nicht gemerkt worden ist. Man kann den Autor nicht via Text behaften, denn er hat an sich mit dem Text nichts zu tun, er ist im Text nicht vorhanden, der Text fällt von ihm schon beim Schreiben ab. Du bist vielleicht nur in gewissen einzelnen Momenten der Entstehung des Textes so nah dran am Text, daß du den Eindruck haben kannst, du bist bei dir. Und dieses Bei-dir-Sein ist auch wieder nicht so zu verstehen, daß du in deinem Text bist. Ich glaube, der Autor muß tatsächlich unbegreiflich, ungreifbar, unbelangbar sein, damit ein Text leben kann, und zugleich, damit der Autor im Text als ein anderer überleben kann. Die existentielle Grundsituation des Schreibenden ist ja die, daß er zugleich als er selbst und als ein anderer schreiben muß. Authentisch bist du nur…

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