Titel: Aktuelles Denken , 1990

Jean-François Lyotard

J.F.L.: Meine Beziehungen zur Philosophie sind nicht unbedingt einfach; auch wenn ich schon sehr jung „La Phénoménologie“ geschrieben habe, ein kleines Schulbuch, war das bereits in einer gewissen Beziehung zur Politik geschehen. Denn ich war in der Gruppe „Sozialismus oder Barbarei“ engagiert, die eine marxistische, kritische Gruppe gegenüber dem Leninismus, Stalinismus und Trotzkismus war. Das war keine einfache Position, und so war auch die Philosophie durch einen anderen Diskurs durchkreuzt, der nicht klar philosophisch war, sondern praktisch.

In der Folge hatte ich auch dieses partikuläre Interesse an der Kunst, und überhaupt wollte ich als Jugendlicher eigentlich Schriftsteller werden, was ich mir jedoch verboten hatte. Als Philosoph, so dachte ich, muß man sich Aufgaben und einer Verantwortung stellen, die ich als jenseits meiner Mittel als Philosoph liegend verstand. Ich habe mich also der Kunst und im speziellen der Malerei zugewandt. Nach dieser langen Zeitspanne im Zeichen der Politik, des Militanten, schien mir das einzige Mittel, um aus dieser Krise herauszukommen, die eine Krise des Marxismus als Kritik an der Gesellschaft war, mich mal wiederum mit der Kunst zu befassen, damit, worum es bei ihr geht, kurz: die Ästhetik. Wobei ich heute immer mehr der Überzeugung bin, daß es keine Ästhetik mehr gibt im traditionellen, akademischen Sinn.

Das ist wahrscheinlich meine Schwäche für die Philosophie oder mein Interesse an ihr, daß ich das Gefühl habe, dieses Mal werde ich wirklich mit ihr beginnen.

G.J.L.: Man kann also sagen, daß Sie zunächst von der Politik gefesselt waren, vom Marxismus und dann den Dialog mit der…

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