Kommentar: The Köln Show · S. 284
Kommentar: The Köln Show , 1990

von Amine Haase

Den Zeitgeist erkennen, heißt ihn entthronen“ – so Friedrich Hegel. Aber verlockender ist es wohl, ihn zu beschwören. Und je runder die Jahreszahl, je näher das Fin de Siècle, desto heftiger. Das gehört wohl zu den quasi mathematischen Grundregeln einfachster Lebensphilosophie. Allerdings ist das Zeitgeist-Vokabular inzwischen etwas abgenutzt, die Perspektive ziemlich verbaut, die Hoffnung fast unerlaubt. Und da soll die Kunst als Rettungsanker taugen? Viele Künstler scheinen dem zu mißtrauen, sich dieser Hoffnung, diesem Anspruch zu widersetzen. Eine Form, Skepsis zum Ausdruck zu bringen, ist die Annäherung des Kunstwerks an die Wirklichkeit, bis die Konturen sich verwischen, bis die Kunst in der Realität verschwindet.

In diesem Stadium der Kunstauflösung ist es erstaunlich, wenn Kunstvermittler einerseits diese Flucht-Kunst ausstellen, andererseits mit unverrückbarem Optimismus eine Zukunft für die Kunst bis ins einundzwanzigste Jahrhundert eröffnen wollen. „The Köln Show“ ist der Titel dieses Phänomens: Ein sehr kölnisches Gewächs – im besten Sinne – und sicherlich ein Meilenstein auf dem Weg der „Kunststadt“ durch die neunziger Jahre. Verblüffend ist, wie gesagt, der Optimismus, mit dem der Blick in die Zukunft gerichtet wird. Erstaunlich ist die Solidarität, mit der sich sechs Galeristinnen und drei Galeristen, auf Zeit, zusammentaten, um eine Ausstellung an neun Schauplätzen zu organisieren. Und bewundernswert ist die Toleranz, mit der die Beteiligten sich dem Votum einer dreiköpfigen „Hängekommission“ aus ihrer Mitte unterwarfen, die bestimmte, welche Künstler, in welcher Galerie, in welcher Gruppierung auftreten sollten – um bei der Pulverisierung von Raum und Zeit, die Idee einer Gesamtschau zu erhalten.

Mit der Blickrichtung…

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