Ausstellungen: Paris/Antibes/Wien/München/Genf , 1990

Doris von Drathen

Daniel Spoerri

Centre Pompidou, März – Mai 1990

Wenn die Teller leer und blank sind, haben die Ratten sie abgefressen. Inzwischen ist das schwierig geworden, denn die großen Tischbilder sind längst Museumsstücke geworden; gut konserviert hinter Glas hängen sie hoch, weit oberhalb noch der Augenhöhe der Besucher. Wie Versteinerungen eines kurzen flüchtigen Lebensaugenblicks sind diese Stilleben mehr „memento vitae“ als „memento mori“. In unbändiger Freude am Chaos, am Nicht-Weggeräumten erzählen sie kleine Begebenheiten – wie die Teller, die Duchamp hat stehenlassen; „Eaten by Duchamp“ heißt der Tisch (1964).

Diese „Fallenbilder“ oder „tableaux pièges“ aus den 60er Jahren haben heute in der Retrospektive eine unerwartete neue Kraft, die mit der Zeit wächst. Längst ist der Schock über zum Kunstwerk erklärten Müll vergessen; längst wundert es kaum jemanden mehr, die auf der Tischplatte fixierten Teller und Bestecke, die vollen Aschenbecher in der Senkrechten an der Wand zu finden. Das Amüsement, daß dem dadaistischen Realisten Spoerri die Dinge auf den Leim gehen, und auch die Verblüffung darüber, daß sie in der Falle ganz anders aussehen, möglicherweise eine andere Bedeutung gewinnen, ist längst einem ganz anderen Interesse gewichen. Nur noch nebenbei freut man sich über die Fallenstellerei, lächelt über einen Humor und Witz, der altmodisch scheint, während man die ganze Aufmerksamkeit auf die Stärke einer Aura lenkt, die heute im kargen, aufgeräumten Umfeld von Concept und Minimal wie aus einer fremden Welt aufsteigt.

Die „tableaux pièges“ haben inzwischen eine Patina, die sie in die Ausstrahlung solcher Arbeiten wie von Duchamp oder Broodthaers rücken. Das Chaos hat…

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