Titel: Aktuelles Denken , 1990

Gerhard Johann Lischka

Vilém Flusser

G.J.L.: Herr Flusser, Sie sind einer der wenigen Kommunikationstheoretiker, der sich nicht nur mit der Kritik der heutigen Zustände auseinandersetzt, sondern der auch Vorschläge für einen möglichen Umgang mit den Medien macht. Welches ist der Weg zu einem anderen Verständnis der Bilder und Texte zu kommen? Welchen Weg beschreiten Sie?

V.F.: Ich versuche ganz einfach, wenn ich einem Phänomen gegenüberstehe, eine phänomenologische Haltung dazu einzunehmen. Das heißt, ich versuche, alle Vorurteile, die ich diesbezüglich habe, auszuklammern, und falle deshalb nicht – wie die meisten Leute – in eine Einstellung der Negation. Ich fürchte nicht nur, was kommt, sondern ich versuche, sowohl das Positive als das Negative herauszufühlen. Ich mache auch, wenn ich widersprechen darf, nicht eigentlich Vorschläge, sondern was ich versuche zu tun, ist, die gegenwärtigen Tendenzen so gut als möglich zu konstatieren und dann ein klein wenig nach vorne zu projizieren. Ich hoffe, daß nichts von dem, was ich sage, utopisch ist, sondern daß alles, was sich sage, jetzt angelegte Möglichkeiten sind.

Eines Ihrer ersten Bücher auf Deutsch war „Für eine Philosophie der Fotografie“. Weshalb kamen Sie darauf, sich überhaupt mit der Fotografie auseinanderzusetzen?

Ich dachte mir, daß man komplexe Phänomene am besten versteht, wenn man sich einfache Modelle dafür aussucht. Und mir schien die Fotografie das erste Phänomen des neuen Bildermachens zu sein. Obwohl die Fotografie und der Film auf Chemie beruhen und die neuen Weltbilder auf Elektromagnetik, sind einige Charakteristika der Fotografie bereits für das Gegenwärtige kennzeichnend. Zum Beispiel, daß man Bilder nicht mehr mit der…

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