Essay , 1990

BEMERKUNGEN ZUR DEKONSTRUKTIVISTISCHEN ÄSTHETIK

VON FLORIAN RÖTZER

»Die Ansässigkeit im Gängigen ist aber in sich das
Nichtwaltenlassen der Verbergung des Verborgenen.
Zwar gibt es auch im Gangbaren Rätsel, Unaufgeklärtes, Unentschiedenes,
Fragliches. Aber diese ihrer selbst sicheren Fragen sind nur
Durchgänge und Zwischenstellen für die Gänge im Gangbaren und deshalb nicht wesentlich.
Wo die Verborgenheit des Seienden im Ganzen nur wie eine zuweilen sich meldende Grenze beiher
zugelassen wird, ist die Verbergung als Grundgeschehnis in der Vergessenheit versunken.«

(Martin Heidegger)

Im Gewimmel der Schablonen zur Kennzeichnung eines Neuen hat sich hinter der mittlerweile reichlich abgegriffenen Postmoderne und in Konkurrenz zu ihr ein anderer Begriff ausgeprägt, der nicht weniger schillernd und undeutlich bleibt als jener: die Dekonstruktion. Behaftet mit philosophischem Tiefsinn, der alle Register einer entfesselten Hermeneutik zieht und alles in endlose Zeichenketten ohne Anfang und Ende auflöst, stürzen sich nun auch Künstler und Kunstkritiker, allen voran die Architekten, auf dieses Label, das Neues verheißt. Eine neue Mode, ein neuer Stil, eine neue Kunst, eine neue Theorie, die aus der Erzeugung einer Leere entstehen? Einen Schub hat der Dekonstruktivismus in seiner Negation klassischer Ordnungsvorstellungen jedenfalls durch die Forschungen der Chaoswissenschaft erhalten, in der das Unbestimmte, Dezentrierte, Zufällige und Regelwidrige in Prozessen komplexer Gebilde betont wird. Der amerikanische Kunstkritiker Geoff Bennington bringt die Essenz des neuen Begriffs, der anders als alles andere sein will, auf den Punkt, wenn er sagt: „Dekonstruktivismus ist nicht das, was Sie denken.“ Aber was ist er dann?

Nach dem postmodernen Rausch an Symbolen, Allegorien und Ornamenten war es naheliegend, daß…

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