Titel: Aktuelles Denken , 1990

Gerhard Johann Lischka

Elisabeth Lenk

G.J.L.: Wenn Sie auf Ihre Arbeit blicken, könnten Sie sagen, daß es für Sie eine Frage der Fragen gibt?

E.L.: Das ist eine ganz hinterhältige Frage, doch ich beantworte sie so, daß ich sage: Ja, es gibt vielleicht wirklich nur eine Frage, und zwar ist es die Frage nach der Existenz des Individuums. Gibt es das, oder – vielmehr – existiert es? Und da ich ja weiß, daß die Schwelle des historischen Verschwindens längst überschritten ist – das Individuum ist nicht mehr da -, habe ich gemeint, tiefer graben zu müssen, und bin auf den Traum gekommen und meinte, daß da noch so eine Art Exil dieses Fossils wäre. Aber vielleicht wird auch das Individuum wiederentdeckt werden.

Ich hätte diese Frage, auf Ihre Arbeit bezogen, damit beantwortet, daß es die Phantasie sei. Wie beziehen sich Phantasie und Traum aufeinander?

Ja, ich hätte vielleicht sagen sollen, daß das Individuum in der Phantasie existiert und sonst nirgends. Wobei für mich der Traum, nach dem ich dann wie eine Archäologin gegraben habe, die objektive Seite der Phantasie war, und ich hätte gern gehabt, daß das Individuum auch eine objektive Seite gehabt hätte, das heißt, daß es nicht nur in einer Einbildung existiert. Aber man könnte vielleicht auch ganz anders vorgehen, nämlich in die Richtung, daß die Phantasie bewußt gewordene Einbildungskraft ist; Einbildungskraft ist etwas, was sich bewußtlos vollzieht.

Somit würden Sie nicht mehr Frauenforschung, sondern Phantasieforschung an erste Stelle setzen. Das haben Sie aber auch getan, wenn Sie sich mit den Surrealisten und…

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