Titel: Realkunst - Realitätskunst , 1987

Die Verwandlung des Banalen

von Karlheinz Lüdeking

Es verwirrt uns heute nur noch wenig, wenn wir in Museen und Galerien auf Ausstellungsstücke treffen, die sich äußerlich durch nichts von Dingen unterscheiden, die uns bereits aus anderen Zusammenhängen bekannt sind: Werkzeuge und Waschmittelkartons, Steine und Holzstücke, Koffer und Kinderbadewannen. Wie ist es zu verstehen, daß derartige Dinge in den Galerien erscheinen? Was geschieht, wenn dies geschieht?

Eine beliebte und naheliegende Deutung besagt, daß den Dingen hier eine Ästhetisierung widerfährt. Indem diese aus ihrem angestammten Funktionszusammenhang herausgenommen werden, wird der alltäglich geübte zweckrationale Zugriff auf sie unmöglich, und so werden sie plötzlich zum Gegenstand kontemplativer Betrachtung und interesselosen Wohlgefallens. Nach dieser Deutung möchte der Künstler, der jene einfachen Dinge in die weihevolle Umgebung der Galerien hineinstellte, unsere Aufmerksamkeit auf diejenigen ihrer Qualitäten lenken, die wir ansonsten arg- und achtlos übersehen. Der Objekt-Künstler möchte uns auffordern, unseren Blick vor der bezaubernden und bestürzenden Schönheit der Dinge, die wir nur aufgrund einer verhängnisvollen Verblendung nicht mehr zu erkennen vermochten, endlich nicht länger zu verschließen. Wir sollen wieder »sehen lernen«, wir sollen unsere zivilisatorischen Scheuklappen ablegen und wieder werden wie die Kinder, die Bauern oder die Wilden, wir sollen die »Unschuld« des Sehens zurückgewinnen, die wir durch unsere interessierten und kalkulatorischen Wahrnehmungsweisen verloren hatten.

Auf den ersten Blick mag diese Deutung durchaus einleuchtend erscheinen und sicherlich gibt es auch einige Künstler, deren Absichten damit zutreffend beschrieben werden. Auf diese Weise kann man allerdings kaum erklären, warum die Dinge, deren verborgener Charme solcherart ans Licht gebracht werden soll, als Kunstwerke

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