Titel: Realkunst - Realitätskunst , 1987

Zum Begriff Realitätskünste

In dem Plural des Begriffes ‚Realitätskünste‘ sind die Strategiemomente, die diese Künste tragen, schon beinhaltet. Die erste Strategie läuft auf eine Darstellung des bloßen Gegenstandes hinaus, er wird zum Bild gemacht. Seine Dinghaftigkeit mag in der Verdoppelung wieder aufscheinen, Gegenstand als Bild als Bild (s.o.). Deutlich geben sich die Objekte der Realitätskünste als Kunstwerke, aber sie verraten diesen Gestus im Rekurs auf die Alltäglichkeit des Gegenstandes. Sie führen von daher ihre Kunsthaftigkeit vor, indem sie zum Beispiel deren Formeninventar aufnehmen (Bertrand Lavier) oder der Kontext den Gegenstand bindet. Eine andere Strategie verdoppelt die Anonymität des Realkunst-Objekts (Norbert Radermacher): die Sculptur trouvé muß als solche gesehen werden, weil kein Signum es zuschreibbar macht. Ähnlich wie Bertrand Lavier werden die Objekte von Raffael Rheinsberg als verweisende gebraucht, bei Lavier kunstspezifisch, bei Rheinsberg historisch. Der Begriff der Situation soll diesen immer präsenten Verweisungszusammenhang abbilden, denn ein realer Gegenstand in der Kunst ist nie bloß der reale Gegenstand. Die Real-Ort- und Real-Zeit-Systeme bilden über dem realen Geschehen eine zweite Schicht, die die Konstituenten des Ortes und der Zeit verdeutlicht. Sie sind in einem ähnlichen Sinne Reflexion über deren Künstlichkeit wie die ‚Bilder‘ der Gegenstände. Als ‚Kunstarbeiten‘ stellen sie gleichzeitig aber auch deren Produktions- und Erscheinungsbedingungen zur Diskussion. Das ist innerhalb eines reinen Kunstkontextes nicht mehr möglich, weil die darin sich befindlichen Formen in ihrer Bedeutung fixiert werden, außer der Formenkanon wird zum Real-Gegenstand hin aufgebrochen. Die in dem Begriff ‚Modell‘ angesprochenen Strategiemomente in den Realitätskünsten verdanken sich einer konsequenten ‚Finalisierung der Kunst‘,…

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