Biennalen: documenta · von Marius Babias · S. 476
Biennalen: documenta , 1996

Marius Babias

documents 1

Documenta-Leiterin Catherine David, 42, hat in Form einer mit Spannung erwarteten Zeitschrift das Projekt der Kasseler Weltausstellung umrissen. Nach eher defensiven Pressekonferenzen in Kassel, Berlin und Wien präsentierte sie auf der Kunstmesse ARCO in Madrid die Erstausgabe der Publikation „documents“, die bis zur Eröffnung der documenta X im Juni `97 alle drei Monate erscheinen und als „offenes Skript“ die Grundlage für das endgültige Drehbuch bilden soll. Zwar rückt sie mit Ausnahme von Godard und Graham wieder keine Namen heraus, dafür aber konkrete Arbeitsthesen. Ironischerweise hat diese stoische Haltung Davids die Kunstwelt aufgeschreckt. Wenn man die Künstlerliste nicht kennt, worüber soll man dann lästern? Die Diskretion hat allerdings eine Kehrseite. Den Künstlern, die bis Juni `96 offiziell eingeladen werden sollen, bleibt zur Vorbereitung nicht mehr viel Zeit. Da sie aufgrund der strikten Informationspolitik so wenig Spielraum für Spekulationen und Gossip haben, bleibt den Kritikern also nichts anderes übrig, als sich mit den Arbeitsthesen Davids auseinanderzusetzen. Schlechte Zeiten für Info-Dealer und Revolver-Journalisten.

Ohne ihre Vorgänger direkt zu kritisieren, eines wird nach der „documents“-Lektüre deutlich: Anders als Jan Hoet will David die documenta weder personalisieren noch den Sponsoren ausliefern, sondern „als langsame und geduldige Arbeit der Montage“ zu einem Realitätsmodell umdefinieren. „Ein romanischer Diskurs“, wie ein Münchner Kunsthistoriker befand. Diese Kritik an David hört man häufig: Ein Issue werde an den anderen gehängt, auf diese Weise entstehe zwar eine Kette von Komplexitäten, aber am Schluß fehle der Durchblick. Dennoch: Davids widerständige Haltung und ihre Weigerung, die Karten auf den Tisch zu legen,…

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