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Kunstforum-Gespräche · von Michael Stoeber · S. 318 - 321
Kunstforum-Gespräche ,

Ein Kunstmuseum nach meinen Vorstellungen

Friedemann Malsch war 21 Jahre Direktor des Kunstmuseums Liechtenstein
Ein Gespräch von Michael Stoeber

Friedemann Malsch, 1955 in Bielefeld geboren, kam nach Studium, Promotion und ersten Ausstellungsstationen 1996 nach Liechtenstein, wo er zuerst als Konservator der Liechtensteinischen Staatlichen Kunstsammlung arbeitete und dann Gründungsdirektor des Kunstmuseums Liechtenstein wurde. Ab 2000 bis zu seiner Pensionierung in diesem Jahr stand er dem Museum als Direktor vor. Eine außergewöhnlich lange Zeit. Mit Michael Stoeber hat er darüber gesprochen, was das Besondere an diesem Museum ist und welche Gründe es waren, die die Leitung dieses Hauses so attraktiv für ihn gemacht haben, sodass es ihm unmöglich war, trotz verlockender Offerten an ein anderes Haus zu wechseln.

Michael Stoeber: Sie haben Kunstgeschichte, Geschichte, Romanistik, Soziologie und Städtebau in Freiburg, Paris und Bonn studiert und in Kunstgeschichte promoviert. Was war an der Kunstgeschichte für Sie spannender als an Ihren anderen Fächern?

Friedemann Malsch: In der akademischen Welt gilt die Kunstgeschichte als Hilfswissenschaft. Für mich waren es aber die anderen Fächer, denn in der Kunstgeschichte hatte ich immer auch mit deren Themenbereichen zu tun. Wenn man sich mit Kunst beschäftigt, ist man fast automatisch mit allen möglichen gesellschaftlichen Aspekten konfrontiert. Das gilt nicht nur für die alte Kunst, sondern ebenso für das zeitgenössische Geschehen.

Danach haben Sie zehn Jahre lang frei gearbeitet als Kunstkritiker (u. a. auch für KUNSTFORUM International), Ausstellungsmacher und Lehrbeauftragter an Universitäten, bevor Sie fest ans Museum gingen. Wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung?

Es waren Lehr- und Wanderjahre, aber es war auch eine Situation, in der ich meine eigenen Überzeugungen entwickeln konnte. Dank der boomenden Kunstwelt in den 80ern konnte man sogar von seiner Arbeit leben, ohne Kompromisse eingehen zu müssen. Und mir blieb auch noch die Zeit, meine Dissertation abzuschließen.

Nachdem Sie in Straßburg Kustos waren, wurden Sie erst Konservator der Liechtensteinischen Staatlichen Kunstsammlung, Gründungsdirektor des Kunstmuseum Liechtenstein und ab dem Jahre 2000 dessen Direktor bis zu Ihrer Pensionierung in diesem Jahr. Was hat Sie so lange in Liechtenstein gehalten?

Ich hatte die sehr seltene Chance, von Grund auf ein Kunstmuseum nach meinen Vorstellungen realisieren zu können. Und dazu hatte ich auch das Glück, dass man mich hat machen lassen. Das Vertrauen in meine Kompetenz war in Liechtenstein sehr groß, und so war es mir möglich, in einer Off-Situation des Kunstbetriebs ein Museum mit scharfem inhaltlichem Profil aufzubauen, das den Spagat zwischen staatlicher Repräsentation und der Bildungsarbeit mit der regionalen Bevölkerung bewältigen kann. Natürlich bedeutet das auch ein großes Maß an Verantwortung, sowohl für die Institution, aber auch für die Menschen in der Region, die ich indes gerne angenommen habe. Zu ihr gehört nach meiner Überzeugung, dass man etwas zu Ende führt und nicht zu früh den Stab weitergibt. So gewinnt man an Glaubwürdigkeit. Und dann haben sich meine Aufgaben auch alle 5 Jahre verändert: zunächst galt es, den Bau zu planen und zu realisieren, nach der Eröffnung die Institution ins Laufen zu bringen, anschließend das Museum international zu platzieren, und mit der Erweiterung durch die Hilti Art Foundation seit 2015 noch einmal in eine andere Liga vorzustoßen. Alles spannende Phasen, begleitet von der Aufgabe und Möglichkeit, eine ganz eigenständige Sammlung aufzubauen.

Was ist für Sie das Besondere dieses Museums?

Da gibt es verschiedene Aspekte, die zusammen seine Besonderheit ergeben. Das Leitbild ist mit den Begriffen „Offener Blick“, „Dialog“ und „Gegenwart“ überschrieben. Diese Begriffe drücken sich in allen Bereichen aus, angefangen mit der Architektur, die zum Zeitpunkt der Eröffnung des Museums als altmodisch galt, die heute aber besonders geschätzt wird, weil sie auf Besucherfreundlichkeit und optimale Bedingungen für die Kunst ausgelegt ist.

Das Restaurant in der Eingangshalle kann unabhängig von den Öffnungszeiten des Museums betrieben werden und ist so zu einem Treffpunkt geworden, wovon das Museum auch finanziell stark profitiert. Die Kunstvermittlung basiert auf einer speziellen Methode, die man als „Hilfe zur Selbsthilfe“ bezeichnen kann, und entwickelt zahlreiche Spezialangebote, insbesondere für alle Schultypen. Der Heimmarkt des Museums erstreckt sich über Liechtenstein hinaus auf Teile der Schweiz und Österreichs, ist also grundlegend international. Dies spiegelt sich auch in der Sammlungs- und Ausstellungspolitik.

Grundsätzlich entwickelt das Museum alle Ausstellungen aus dem Profil der Sammlung heraus, weshalb es auch keine festen Räume für die Sammlung gibt. Diese wird mit jeder Ausstellung in neuen Konstellationen präsentiert, sodass sie in ein dialogisches Verhältnis mit ihr treten kann. Die enge Verflechtung von Sammlung und Ausstellung ist ein wichtiges Mittel, um das inhaltliche Profil des Museums sichtbar zu machen und es zugleich zu erhalten.

Dieses Profil fußt auf dem Schwerpunkt dreidimensionaler Kunst. Gesammelt wird zudem nicht nach formalen Kriterien, weshalb es auch keine Abteilungen gibt. Es gibt nur eine einzige Sammlung, die gesamteuropäisch ausgerichtet ist, einen Ausleger nach Nordamerika hat und sich inhaltlich zwischen den Leitplanken „rationale Ansätze“ und „anthropologische Verfahren“ bewegt, ergänzt durch Begriffe wie „Reflektion des Ästhetischen“, „Performanz“ und „Anschlussfähigkeit“. Nach diesen Kriterien diskutiert die Ankaufskommission jede künstlerische Position und jedes vorgeschlagene Kunstwerk ausführlich, bevor sie beschließt, es zu kaufen. Und für einen Ankauf muss einstimmig entschieden werden, es gibt also niemanden, der das Gremium dominieren kann.

Die Erfahrung zeigt, dass dieses Verfahren das künstlerische und qualitative Niveau der Sammlung sowie ihre inhaltliche Kohärenz steigert und garantiert. Der Direktor ist also nur ein Mitglied von fünf internationalen Experten, und die Entscheidungen hängen insbesondere von guten inhaltlichen Begründungen ab. Übrigens sind diese flachen Hierarchien ebenfalls typisch für das Kunstmuseum Liechtenstein. Das sehr kleine Team wäre ohne diese Struktur auch nicht in der Lage gewesen, das anspruchsvolle Programm mit fünf bis sechs Ausstellungen unterschiedlicher Größe, fast immer Eigenproduktionen, inklusive seiner Publikationen und etwa 150 Veranstaltungen pro Jahr zu stemmen.

Inwieweit haben Sie in Liechtenstein bei ihren Ausstellungen mit der Sammlung des Museums gearbeitet?

Die Sammlung war für mich immer der Kern des Museums, nicht um sie zu konservieren, sondern weil aus ihr heraus Themen entstehen, wenn man sich mit ihr auseinandersetzt. In Liechtenstein war das von Beginn an zentral. Wir haben nie die Sammlung hervorgeholt, wenn das Geld knapp wurde, und sie vergessen, wenn das Geld wieder da war.

Wann entscheiden Sie sich dabei für eine Gruppen-, wann für eine Einzelausstellung?

Ich habe das Ausstellungsprogramm immer zusammen mit Christiane Meyer-Stoll, entwickelt, die als Kuratorin mit mir das Museum aufgebaut hat. Wir haben ein Raster entwickelt, nach dem das Programm strukturiert wurde. Einzelausstellungen waren uns wichtig, weil wir vorhatten, künstlerische Positionen, die in Kunstzentren nicht oder nicht umfangreich genug gezeigt werden, gut recherchiert und mit gründlich erarbeiteten Publikationen vorzustellen. Bereits die erste Sonderausstellung im Sommer 2001 ging mit Otto Freundlich in diese Richtung. Danach haben wir Fred Sandback gezeigt, Frantisek Kupka, Bill Bollinger, Gary Kuehn oder Günther Fruhtrunk, Thomas Lehnerer und Yuri Albert.

In der Reihe „First Museum Show, First Publication“ gaben wir jungen KünstlerInnen die Möglichkeit einer ersten Museumsausstellung. Da haben wir ein paar schöne Treffer landen können mit Rita McBride, Fabian Marcaccio, Monika Sosnowska, Charlotte Moth oder Nora Turato. Sie alle haben anschließend eine beachtliche Karriere hingelegt.

Thematische Ausstellungen haben sich meistens aus der Beobachtung der Kunstentwicklung der letzten 10 bis 15 Jahre ergeben. So kamen die Ausstellungen zu „Migration“ (2003), „Auszeit. Kunst und Nachhaltigkeit“ (2007), „Who Pays?“ (2017) oder zuletzt „Parlament der Pflanzen“ (2020) zustande. Darüber hinaus haben wir aufwendige Ausstellungen und Publikationen zur Arte Povera 2010 und 2019 gemacht, einem Schwerpunkt der Sammlung, oder auch zur kroatischen Gruppe GORGONA (2016).

Im Vorfeld unseres Gesprächs habe ich Sie gebeten, für Ihre Zeit am Kunstmuseum Liechtenstein fünf von Ihnen verantwortete Kataloge und Ausstellungen auszusuchen, die Ihnen besonders wichtig sind. Sie haben folgende Ausstellungen gewählt: Malewitsch und sein Einfluss (2008), Che fare? Arte povera – Die historischen Jahre (2010), Günter Fruhtrunk (2012), Bertrand Lavier (2016 / 2017), Steven Parrino (2020). Was macht sie so bedeutend für Sie?

Ich habe einige Jahre in Frankreich gearbeitet und dort erfahren, wie stark der Graben zwischen der deutschen und der französischen Kunst noch immer ist. Fruhtrunk war mir wichtig, weil er zwischen beiden Kunstwelten wanderte, was aber auch dazu geführt hat, dass er mit seinem sehr eigenständigen und fabelhaften Werk in keiner dieser Welten wirklich angenommen wurde und immer ein relativer Außenseiter blieb. Und Lavier, ein wirklich großartiger Künstler, ist zwar weltweit bei allen großen Ausstellungen dabei, auch in Deutschland, aber er hatte im deutschsprachigen Raum bis dahin keine einzige Museums-Retrospektive.

Ähnliches gilt für Steven Parrino, der für seine Generation ein herausragender Künstler war, aber noch nirgends eine Museumsausstellung und vor allem noch keine Monografie bekommen hatte. Bedauerlicherweise hat sich in Deutschland niemand gefunden, seine Ausstellung oder die von Lavier zu übernehmen.

Die Ausstellung zur Arte Povera zeigte nach 10 Jahren Kunstmuseum, welche Rolle dieses Phänomen für das Museum hat, für seine Sammlung, aber auch für seine Philosophie. Wir konnten in den 90er Jahren den Grundstein dazu legen, dass das Museum inzwischen die kompletteste Sammlung zur Arte Povera weltweit hat.

Und „Malewitsch und sein Einfluss“ zeigte erstmals die Bedeutung des Künstlers in Europa vor dem 2. Weltkrieg. Zudem konnte ich damit zeigen, dass es möglich ist, eine substanzielle Ausstellung zum Thema ohne das Russische Museum zu machen. Sie war auch der Auftakt zu einigen anderen Ausstellungen wie zu Ilya Tschaschnik oder Alexander Rodtschenko, dessen komplette Rekonstruktion des „Arbeiterclubs“ dauerhaft zur freien Benutzung im Museum installiert ist.

Und sie hat schließlich auch dazu geführt, dass mit der Dauerleihgabe aus der Sammlung Tsarenkov nun auch die russische Avantgarde zwischen 1905 und 1935 im Museum präsent ist und damit die Klassische Moderne Westeuropas in der Sammlung der Hilti Art Foundation genial ergänzt. Damit ist die Moderne ganz Europas jetzt zu sehen und bildet den Hintergrund für die Arbeit mit zeitgenössischer Kunst als Hauptaufgabe des Museums.

Sie haben für die Ausstellung „Lens Based Sculpture. Die Veränderung der Skulptur durch die Fotografie“ 2014 den Justus Bier-Preis für Kuratoren erhalten. Was bedeutet Ihnen dieser Preis?

Es ist natürlich eine große Ehre, diesen Preis zu erhalten, denn fürs Kuratieren gibt es ja nicht so viele Preise. Den Preis habe ich zusammen mit den Kollegen Bogomir Ecker, Raimund Kummer und Herbert Molderings erhalten, mit denen es eine tolle Zusammenarbeit war. Noch schöner aber ist, dass bereits vorher Christiane Meyer-Stoll den Preis erhalten hat für ihre Ausstellung und Publikation zur Sammlung von Rolf Ricke. Dass das Kunstmuseum Liechtenstein zweimal den Preis erhalten hat, ist eine wunderbare Anerkennung unserer Arbeit.

Muss man als Direktor vor allem etwas von Kunst verstehen oder auch über kaufmännische Fähigkeiten verfügen?

Gute Frage. Vielleicht bin ich der Falsche, um das zu beantworten. Ich hatte in Vaduz die Möglichkeit, neben den eigentlichen direktoralen Aufgaben auch noch inhaltlich zu arbeiten, insbesondere für und mit der Sammlung. Das Museum wird zu 100 % vom Staat finanziert. Der Eigenfinanzierungsgrad ist wegen der komplizierten geografischen und verkehrstechnischen Lage nicht sehr hoch. Und als selbständige Stiftung öffentlichen Rechts ist auch die Bilanz nicht schwer zu erstellen. Deshalb konnte ich meine Kräfte zum großen Teil in das Verstehen von Kunst investieren.

Wie sehen Sie die Zukunft des Museums? In Corona-Zeiten haben wir die Museen ausschließlich digital erfahren können. Wird die Digitalisierung in Zukunft eine noch größere Rolle spielen als jetzt schon?

Möglicherweise. Ich habe während der Pandemie aber auch festgestellt, dass vielen Leuten die physische Begegnung mit der Kunst wichtig ist. Das lässt mich hoffen.

War früher die Kunst eine elitäre Beschäftigung, interessieren sich heute viele Menschen für sie. Wie muss das Museum darauf reagieren?

FM: Ich stelle fest, dass der Anteil der BesucherInnen von Museen moderner und zeitgenössischer Kunst spätestens seit den 80er Jahren stabil bei ca. 8% liegt. Ist das viel oder wenig? Entscheidend ist ja nicht die explizite, sondern die implizite Akzeptanz. Wenn es den Museen gelingt, die implizite Akzeptanz hochzuhalten, dann haben sie gut reagiert. In Liechtenstein und im Rheintal ist das jedenfalls der Fall.

Was antworten Sie Menschen, die Sie fragen, woran man gute Kunst erkennt?

Ich frage dann meistens zurück, warum ihnen das so wichtig ist. Die Frage wird doch in der Regel gestellt, weil die Menschen Angst vor der Kunst haben, oder besser: Angst vor Scharlatanen, für die sie Künstler sehr oft halten. Ich sage meist: Teure Kunst muss nicht gut sein, gute Kunst kann aber auch teuer sein. Ansonsten ist es wie mit jedem Fach: Lernen durch Auseinandersetzung, und das fängt beim Ausstellungsbesuch an.

Gibt es eine Ausstellung, die Sie in Liechtenstein noch gern realisiert hätten, ohne dass es dazu gekommen ist?

Zu viele, um sie hier aufzuzählen.

Wie sind Ihre Zukunftspläne?

Ich kehre jetzt wieder zu meinen Lehr- und Wanderjahren zurück, als freier Schreiber und Ausstellungsmacher. Ich freue mich darauf, wieder mehr lesen und sehen zu können. Die Welt ist so vielfältig, und über die Kunst kann man sie immer wieder besser verstehen.

www.kunstmuseum.li