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Essay · S. 174
Essay , 1978

Klaus Honnef
Einwürfe

Gefährlicher Bazillus

Eine Krankheit geht um in diesem Lande, das Helmut Kohl ‚unser‘ nennt und Hans-Jürgen Syberberg ein ‚totes‘ – eine Krankheit mit Namen Zensur. In Bayern werden Beiträge der Schriftsteller Biermann, Wallraf und Fried aus den Schulbüchern getilgt, beim Westdeutschen Rundfunk Köln fällt ihr der Film über Wallrafs-‚Bild’attacke zum Opfer, Baden Badens Süddeutscher Rundfunk ahndet eine flapsige Moderation mit einem Bannstrahl und Sartres Stücke werden an westdeutschen Bühnen nach dem Fahrplan der Terroristen festgesetzt. Die Krankheit ist ansteckend. Ein Klima der Einschüchterung, subtil und wirksam, bereitete ihr den Weg. Parlamente, deren Vertreter zum Widerspruch auffordernden Tätigkeiten auf kulturellem Gebiet wachsendes Mißtrauen entgegensetzen, mit Regierungsämter bedachte Repräsentanten des öffentlichen Lebens, die jedes Engagement, das nicht auf einhelligen Beifall rechnen kann, scheuen (irgendwo ist immer eine Wahl) und Bürokratien, die zunehmend die Macht im Staate übernehmen und alles, was nicht in ihr blindes Schema paßt,-ersticken, arbeiten reibungslos Hand in Hand. Mündiger Bürger – geh‘ in Pension, setz Dich zur Ruh! Auf der anderen Seite kaum jemand, der Barrikaden gegen die Krankheit errichtet oder zumindest halbherzige Abwehmaßnahmen ergreift. Im Gegenteil. Weil Wohlverhalten in diesem Lande seit jeher als erste Bürgerpflicht betrachtet wurde, öffnet der Kulturbetrieb ihr verschämt, und ohne groß Aufsehen davon zu machen, auch noch die Tore. Zwar protestiert hin und wieder mal dieser mal jener Interessensverband, meldet sich eine Zeitung, ein Rundfunk- oder Fernsehsender zu Wort, aber meistens handelt es sich um vereinzelte Stimmen, keineswegs repräsentativ für das Ganze, und überwiegend nur dann, wenn Schriftsteller betroffen sind. Die Kunstwelt…


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