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Fragen zur Zeit · von Michael Hübl · S. 40 - 43
Fragen zur Zeit ,

Fragen zur Zeit
Alles „pelé“, oder was?

Von Vermeer bis Putin: Aspekte des Umgangs mit der Sehnsucht nach einer geordneten und überschaubaren Welt
Michael Hübl

Das Portugiesische hat ein neues Adjektiv und das Rijksmuseum Amsterdam einen neuen Besucherrekord. „Pelé“ dient neuerdings nicht mehr nur als lieb gewonnener Spitzname für den Ende 2022 verstorbenen brasilianischen Fußballer Edson Arantes do Nascimento, sondern auch als Synonym für „außergewöhnlich, unvergleichlich, einzigartig“.1 Und es sieht so aus, als resultiere die Neuaufnahme von „pelé“ als Eigenschaftswort in das Dicionário Michaelis Português aus der gleichen gesellschaftlichen Tendenz wie der Erfolg der Amsterdamer Ausstellung mit Werken von Jan Vermeer, die rasch ausverkauft war und am Ende 650.000 Besucherinnen und Besucher zählte.2

Die Präsentation von 28 Gemälden des Niederländers konnte als sozusagen ‚sichere Bank‘ gelten. Bereits 1995 / 1996 hatte sich eine Werkauswahl im Mauritshuis, Den Haag, als ähnlich starker Publikumsmagnet erwiesen. Wie bei Michelangelos David, Vincent van Goghs Sonnenblumen oder Gustav Klimts goldumflorten Frauengestalten dürften Merchandising, Marketing und Mystifzierung der „Sphinx von Delft“3 ein Übriges zu einer Schlussbilanz beigetragen haben, der allemal das Prädikat „pelé“ zukommt.

In dieser verbalen Exzellenzbescheinigung ist der innere Zusammenhang zwischen dem Vermeer-begeisterten Massenandrang und einer neuen Vokabel im Portugiesisch-Wörterbuch nicht erschöpft. Der Konnex reicht weiter. Wobei die beiden Sachverhalte für sich genommen zwar spektakulär, aber nicht ungewöhnlich sind. Blockbuster-Ausstellungen hat es schon früher gegeben, zumal unter neoliberalen Vorzeichen, als das konsumistische Prinzip „supersize me“ nicht zuletzt auf die Museen ausgedehnt wurde. Und auch was die Übernahme eines Personennamens in den allgemeinen Sprachgebrauch anbelangt, steht Edson Arantes do…

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