Magazin: Bücher , 2003

Ekel

Bereits im ersten Kapitel lässt sich Mario Perniola auf das meist Aversionen auslösende Abenteuer ,Ekel‘ ein, indem er es nicht auf körperliche Symptome reduziert, sondern eine Relation zwischen Ästhetik/Politik herstellt und den Begriff des Geschmacks in Kontext mit jenem der Demokratie setzt. Nun mag sich der gute Geschmack, so Perniola, heute gegen das durch die Medien verbreitete Abscheuliche und Schamlose nicht zu behaupten.

Perniola verweist auf die Thesen von Luc Ferry, 1992, der bereits bei Immanuel Kant, 1790, die Möglichkeit eines intersubjektiven ästhetischen Gemeinsinns feststellt, der nur innerhalb einer liberalen Demokratie funktioniert. Wohingegen Terry Eagleton, 1994, die enge Relation zwischen Ästhetik und Politik idealistisch konnotiert. Bereits mit Kant verliert der ästhetische Geschmack seinen spekulativen Akzent. Eine Verschiebung der ästhetischen Reflexion auf das Kunstwerk tritt mit Schelling und Hegel ein.

Einen wesentlichen Schritt in der Genealogie des Geschmacks liefert Friedrich Nietzsche, den er mit seinen Aphorismen aus ‚Die Fröhliche Wissenschaft‘, 1882, einleitet. In den Aphorismen verkehrt Nietzsche folglich das kantsche Argument eines universalen Konsens. Während der ästhetische Idealismus bewirkt, dass der Mensch sich selbst gegenüber Abscheu empfindet, bezieht Nietzsche in seine Reflexionen die Erfahrung des Konflikts mit ein. Mit Nietzsche vollzieht sich der Übergang von einer Ästhetik des Geschmacks zu einer Ästhetik des Ekels.

Perniola schreibt der Dominanz der Massenkommunikationsmittel, der Globalisierung der Ökonomie und dem Spektakelcharakter der Gesellschaft zu, dass sich ein gewisser Elitarismus und Populismus von moralischen Standards und einer konformistischen Mentalität entledigte. Ein Zustand, der sich jenseits von Gut und Böse bewegt, wird durch Provokation und Skandale bewirkt. Hingegen ihrer Vorgaben…

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von Ursula Maria Probst

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