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Ausstellungen: Berlin · von Ingo Arend · S. 304 - 305
Ausstellungen: Berlin , 2006

Ingo Arend
Felix Gonzales-Torres

»Der dritte Weg«

Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart, Berlin
1.10.2006 – 9.1.2007

War Felix Gonzales-Torres Realist? Die Frage drängt sich auf. Nicht nur weil Frank Wagner, Kurator der Retrospektive, die die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst dem 1957 auf Kuba geborenen Künstler kubanisch-amerikanischen zum zehnten Todestag und unmittelbar vor seinem 50. Geburtstag im Januar 2007 im Hamburger Bahnhof ausgerichtet hat, Mitglied des Realismus-Studios der NGBK ist. Auch die Materialien des Künstlers scheinen in diese Richtung zu weisen. Bei Papier und Glühbirnen ist man versucht, in Richtung Nouveau Realisme zu denken. Wenn man die akkurat geordneten Bonbonschüttungen auf dem Boden sieht, fällt die formale Ähnlichkeit mit der Minimal-Art eines Sol Lewitt oder Carl Andre auf. Und schließlich stößt man noch auf Fotografien.

Das Werk des im Januar 1996 gestorbenen Künstlers einzuordnen, fällt nicht ganz leicht. Doch obwohl es so spröde, konzeptuell und divers daherkommt, entwickelt es ungeahnte Verführungskräfte. An dem großen Feld von Bonbons im Eingangsbereich, verpackt in goldenen Zellophan, kann kaum ein Besucher vorbeigehen, ohne davon zu naschen. Die Kunst lockt. Man darf sie anfassen. Ständig ändert sie ihre Gestalt. Und immer kommt irgendwo der Nachschub her. Überfluss, Veränderung und Partizipation – in einem einzigen Werk demonstriert Gonzales-Torres die Essentials seines Kunstverständnisses. Selten hat jemand ein so stimmiges Bild für das gefunden, was der sozialdemokratische Kulturpolitiker Hilmar Hoffmann einmal in dem Motto „Kultur für alle“ zusammengefasst hat. Sicher war es kein Zufall, dass die Präsentation den Parcours in unmittelbarer Nähe des Werkraums mit den Arbeiten von Joseph Beuys entlang geführt hat. Beuys muss man unbedingt als einen der geistigen Ahnherrn von Gonzales-Torres’ Kunst rechnen, der Mitglied der 1979 Künstlergruppe Group Material war, die die Kunstwelt mit ihren gegenagitatorischen und gegeninformationellen Projekten herausforderte..

Dass die Partizipationskunst nicht so plakativ wirkt, wie man fürchten könnte, dafür sorgt Gonzales-Torres vermittels der Form. Auch die übereinander gestapelten Papierstapel, `so genannte „stacks“ folgen dem Motto des Mitmachens und Mitnehmens. Doch sie liegen zunächst wie minimalistische Installationen im ganzen Museum auf dem Boden, mehrere tausend Bögen übereinander. Sie scheinen nichts weiter als die Erfahrung einer ästhetischen Grundform, des Rechtecks, oder die des Papiers zu intendieren. Mit der Aufforderung, die Bögen nach Hause zu tragen, wird die skulpturale Wirkung der Stapel aber gleich wieder dekonstruiert. Und wer genauer hinschaut, sieht auf ihnen Aufdrucke wie: „Somewhere better than this place“ oder „Nowhere better than this place“. Auf einigen sind auch kleine Bildformen wie ein Reigen springender Delphine oder Wolken am Himmel aufgedruckt. Oft sind es nur wenige, dezente, nicht selten subjektiv gefärbte Hinweise, mit denen Gonzales-Torres das streng minimalistische Konzept durchbricht. Zwischen Repräsentationsverweigerung (nicht umsonst tragen fast alle Bilder den bezeichnenden Titel „Untitled“) und Repräsentationsaffirmation geht der eigenwillige Künstler einen dritten Weg.

Die Partizipation beschränkt sich dabei nicht auf Gesten mehr oder weniger symbolischer Interaktion. In seinen „date pieces“ macht Gonzales-Torres auf fast schon paradigmatische Weise deutlich, dass es ihm auch um den immateriellen, geistigen Part dieses Verhältnisses geht. Wenn er auf einem seiner Bilder die Daten: „People with AIDS Coalition 1985 Police Harassment 1969 Oscar Wilde 1895 Supreme Court 1986 Harvey Milk 1977 March on Washington 1987 Stonewall Rebellion 1969“ in einer Reihe hintereinander schreibt, erinnert er an markante Daten der amerikanischen Geschichte, oft solche der Bewegungen für Gay Liberation oder des Stop-AIDS-.Aktivismus der achtziger Jahre. Der Betrachter wird geradezu automatisch provoziert, die subjektiven Bilder, die er mit den objektiven Vorgängen verbindet (und die nur durch Schrift aufgerufen werden), vor seinem geistigen Auge auferstehen zu lassen. Intimes und Öffentliches, Privates und Gesellschaftliches durchdringt und überkreuzt sich auf diese Weise. Der Betrachter wird zum Bildproduzenten.

Dass sich dabei immer wieder Motive des Begehrens in die Werke mischen, hat etwas mit dem persönlichen Hintergrund von Gonzales-Torres zu tun. Ende der achtziger Jahre tauchte er bereits einmal in der Ausstellung „Vollbild AIDS“ der NGBK in Berlin auf. Es kann nicht verwundern, dass der im Alter von 38 Jahren in Miami an seiner AIDS-Infektion gestorbene Künstler mit einer subtilen Dialektik aus Freude und Melancholie arbeitet. Die Bonbons in seinen, etwa „Untitled (Lover Boys)“ betitelten Schüttungen sind Lockmittel und Suchtstoff. Sie geben ein Versprechen auf die Süße des Lebens. Sie symbolisieren aber auch so etwas wie Ansteckungsgefahr und geben – ebenso wie mit dem abstrakten Gefühl des Schwundes, das der stete Verbrauch der Bonbons hervorruft – eine Ahnung von Vergänglichkeit. Der Tod vieler konkreter Toter durch AIDS ist damit genauso gemeint wie der Tod an sich.

Das Realistische dieser Kunst liegt aber nicht nur im Material und in den konkreten, sozialen und politischen Themen begründet. Sondern auch in den Äquivalenzverhältnissen, die hier hergestellt werden. Denn die scheinbar planlos aufgehäuften Süßigkeiten folgen einem Konzept. Meist entsprechen sie dem Gewicht einer realen Person (etwa seines Liebhabers Ross), die oft auch im Titel genannt wird. Die Kunst hält sich – minimalgemäß – an die Maße der Realität. Erst in der Transformation in eine andere Form geht sie dann über die Realität hinaus. Doch wenn diese Kunst überhaupt eine Art von Realismus ist, dann auf jeden Fall ein dialektischer. Das verweist nicht zuletzt der Einsatz metaphysischer Bedeutungselemente wie dem Licht und die sensuelle Grundierung aller Arbeiten.

Gonzales-Torres’ Erinnerung an die Weisheit, dass die Kunst im Auge des Betrachters liegt, der Appell an die Bildsouveränität und das Bildvermögen des Betrachters kommt einem heute historisch vor. Und den partizipatorischen und anti-institutionellen Drive seines Werks betrachtet man heute mit einer gewissen Rührung. Doch er funktioniert immer noch. Auffällig viele Besucher der Berliner Ausstellung beispielsweise trauten sich, die Papierbögen mit nach Hause zu nehmen. In Zeiten der Re-Auratisierung des Bildes, der Renaissance einer üppigen Malerei mit einer nahezu unhinterfragten Repräsentation erinnert dieses bemerkenswerte Oeuvre der späten Konzeptkunst an die Mechanismen der Wahrnehmung und die Macht der Rezeption. Spielerisch in der Form, gedanklich aber immer konsequent etabliert es einen offenen Werkbegriff. Gonzales-Torres kann mit der Vorstellung vom Kunstwerk als Unikat nichts anfangen und unterläuft diese Idee dennoch. Jeder, der einmal seine „candy pieces“ gesehen hat, wird, auch wenn er selbst durch seine Nascherei am Werk „partizipiert“ hat, es für immer mit diesem Künstler identifizieren. So bleibt dieses Oeuvre, bei all seinen politischen Subtexten, vor allem eines der phantasievollen und produktiven Verunsicherung der Kunst durch die Kunst.

Katalog, hrsg. von der NGBK, Verlag Vice Versa, Berlin 2006, 224S., 24 Euro.