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Essay · von Gerhard Johann Lischka · S. 70 - 73
Essay , 1992

Kunst jetzt

Von Gerhard Johann Lischka

Wenn man sich fragt, was in unserer Zeit die Menschen vereint oder trennt, sind es auf der Achse des Überlebens bestimmt die Ökonomie und die Politik. Auf derjenigen des symbolischen Systems, welches den Sinn des Lebens zu bestimmen versucht, wird aber die Vorherrschaft der Religion durch diejenige der Kunst oder, allgemeiner gesagt, der Ästhetisierung verdrängt. Somit werden Wert und Qualität nicht mehr im Jenseits, sondern diesseitig bestimmt. Anstelle des Maßstabes Gott und Himmelreich tritt nun der sterbliche Mensch und seine Leistung, sein Werk.

War die Bibel (der Koran etc.) das Buch der Bücher, so wird mit der Ästhetisierung die Vielfalt und gegenseitige Durchdringung der Medien, die Mediatisierung, maßgebend. Und hatte man ehemals ein „Gesicht“, eine Vision oder eine Erscheinung, so hat man heute ein Image, eine Tele-Vision oder hat jemanden live gesehen. Alles ereignet sich in einem Jetzt, das unerbittlich weitergepeitscht vom nächsten Jetzt verdrängt wird. Die Zeit ist diesseitig, vergänglich geworden.

Wenn das Jetzt so dominant ist, die Realität ist und es keine Ewigkeit – im Sinne des Himmelreichs und der Hölle – mehr gibt, wo siedelt sich dann die Kunst an? Zeitlich gesehen im Jetzt und räumlich in den für die Kunst reservierten Institutionen?

Zunächst müßte das ja so sein, wenn es kein Jenseits mehr gibt und keine Ewigkeit. Doch das Problem sitzt tiefer. Denn der verschwindende Augenblick wird schließlich auch in einer Kette von Augenblicken memorierbar, wodurch sich geschichtliches Bewußtsein bildet. Auf jeden Fall das Gefühl von Dauer und somit der Einbettung des Jetzt in einen…

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von Gerhard Johann Lischka

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