Gespräche mit Künstlern · von Florian Rötzer · S. 230
Gespräche mit Künstlern , 1992

Diskussion

Schwindel der Kunst

Florian Rötzer moderiert ein Gespräch mit

Peter Koslowski, Karlheinz Lüdeking, Odo Marquard, Peter Weibel und Wolfgang Welsch

Rötzer: Gerade für das Verständnis moderner und aktueller Kunst ist es notwendig, ästhetische Theorie in ein Verhältnis zur geschichtlichen und gesellschaftlichen Entwicklung zu stellen, um ihre Differenz zur Philosophie, zur Technik und zur Wissenschaft zu klären. Kunst und Ästhetik sind immer Gegenbegriffe, Zeichen eines Anderen, zur Rationalität gewesen. Herr Marquard, Sie haben die allgemeine These formuliert, daß das Ästhetische um so unverzichtbarer sei, je moderner die Welt werde. Die Ästhetik ist bekanntlich im Gegensatz zur Poetik eine späte Disziplin, die erst im 18. Jahrhundert für die Philosophie interessant wurde und schon in der Romantik zum eigentlichen Träger der Wahrheit reüssierte, also eine außerordentliche Bedeutung erlangt hat, die in Wellen als Wende zur Ästhetik bis zur Gegenwart immer wiedergekehrt ist. Was machte und macht eigentlich die Ästhetik oder das Ästhetische für die Philosophie so interessant?

Marquard: Zunächst einmal wird sie für die Philosophie interessant wie vieles andere auch, einfach weil es sie gibt. Das ist so wie für den Bergsteiger Hillary, der sagte, er besteige einen Berg, weil er da ist. Nun gibt es die Ästhetik, das haben Sie eben angedeutet, in der modernen Welt. Sie ist sozusagen mit der modernen Welt entstanden – und möglicherweise die ästhetisierte Kunst ebenso. Insofern ist das Interesse an einer Ästhetik zunächst einmal ein Interesse an einer Theorie der modernen Welt. Dabei ist in der These, die Sie eben zitiert haben, enthalten, daß die Ästhetik so zur modernen Welt…

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