Titel: Künstler als Gärtner , 1999

PAOLO BIANCHI

Künstlergärtner

VOM SPEKTAKULÄREN ORT DER LAND ART ZUM GEWÖHNLICHEN ORT DER PLANT ART

Die künstlerische Beschäftigung mit dem Garten ist ästhetisch korrekt, aber politisch inkorrekt. Sie ist avantgardistisch und anachronistisch zugleich, also zukunftsweisend wie altmodisch, somit retrovisionär, kurz: brandaktuell. Im Vergleich zur Land Art bietet die jetzige Plant Art Kunst im Streichholzschachtelformat. Aberhunderte von Gärten der Kunst schaffen jedoch auch eine neue Realität, eine veränderte (Kunst-)Welt. Die Sehnsucht nach privatem, selbstgemachtem Raum wir immer wichtiger. Mehr Gemeinschaftsräume und mehr grüne und gewöhnliche Orte verschaffen uns bis 2025 eine neue Lebensqualität. Eine heterogene Gesellschaft zeichnet sich ab. Wir denken global, leben in zwei Städten oder in der Business Class der großen Fluglinien, gleichzeitig sind wir unserer nächsten Umgebung, unserer Geschichte und Familie verbunden – und damit lokal bzw. glokal. Das Große und das Kleine nebeneinander. Die eklektizistische Volkskunst küßt den gemixten Videoclip. Künstlergärtner erschaffen eine hybride Form, gehen einen „eigenen Weg“, obschon sie auf „fremde“ Hilfe – auf Impulse und Importe aus der verehrten wie geschundenen Natur – angewiesen sind. Was Künstlergärtner treiben, ist selten „organisch“ gewachsen, vielmehr wird „Eigenes mit Fremden“ vermengt, das „Fremde dem Eigenen“ nutzbar gemacht. Ist der Garten nun groß oder klein – oder beides zugleich? Abgesehen von der chinesischen Mauer, den ägyptischen Pyramiden und anderen Zweckbauten ist der Garten die größte vom Menschen geschaffene Kunstform. Ein Lebenskunstwerk eigener Art.

Ethnographie der Kultur

Der Garten als Lifestyle-Rassismus, als Zufluchtsort der Happy few? Als Sinnbild für Lebens- und Wohnqualität bleibt er für viele ein unerreichbares Ziel und ein pittoreskes Privileg. Der…

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von Paolo Bianchi

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