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Ausstellungen: Berlin · S. 365 - 365
Ausstellungen: Berlin , 1990

Marius Babias
Micha Ullman/Ernst Caramelle

Nationalgalerie, 18.5. – 1.7.1990

Daß Micha Ullman und Ernst Caramelle zum Abschluß ihres DAAD-Aufenthalts in Berlin nicht in der angestammten DAAD-Galerie, sondern in der Nationalgalerie präsentiert werden, liegt sicherlich am überdimensionierten Ausmaß ihrer Arbeiten. So zeigte Ullman die 320 x 320 x 260 cm große Plastik ‚Niemand‘, und Caramelle betätigte sich als abstrakter Hinterglasmaler von Mies van der Rohes gläsernem Bau. Es darf betont werden, und dies ist schmeichelhaft für das Direktorium der Nationalgalerie, daß das Zustandekommen einer Zusammenarbeit mit dem traditionell ignorierten DAAD begrüßenswert erscheint, wäre da nicht ein Schönheitsfehler. Ullmans politisch chiffrierte Plastik wird zusammen mit einem Querschnitt der Sammlung der Nationalgalerie präsentiert; sie erlebt zwangsläufig eine museale Umdeutung, ihre Aktualität wird relativiert. An Brisanz büßt auch Caramelle ein, seine den sozialen Standort des Museums und die musealen Erwartungen des Betrachters reflektierenden Glasmalereien wirken da als ambitioniertes Beiwerk.

Ullmans Skulptur ‚Niemand‘ stellt einen innwärts verschlossenen Raum dar, der rundum begehbar ist. Seine Wände gehen so hoch, daß die offene Decke nicht eingesehen werden kann. Die Einschnitte in jeder Wand bieten dem Auge eine ruhende Nische, fast Schutz vor der hermetischen Absurdität der Skulptur, aber Einblick ins Innere gewähren auch sie nicht. Diese Einschnitte verdeutlichen das Prinzip einer Tür oder eines Fensters, einer angesichts des beschirmten Innenraums bedeutungslos gewordenen Öffnung. ‚Niemand‘ vermag zu ermessen, was sich hinter den Wänden verbirgt und inwieweit die ohnehin sinnlosen Öffnungen diesem Zweck dienen. ‚Niemand‘, so legt der Titel andererseits nahe, ist die Metapher für die Eroberung des Innenraums. Seine optische Inbesitznahme…


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