Monografie · S. 227
Monografie , 1988

Jürgen Raap

Öffentliches Interesse

Boris Nieslony: „Die Schwarze Lade“

Die Form eines Aktenschranks ist nebensächlich angesichts der Brisanz und Bedeutsamkeit seines Inhalts. Boris Nieslony, einer der diesjährigen Kulturpreisträger des BDI, hat die Ergebnisse seiner öffentlichen Zusammenarbeit mit anderen Künstlern im Zeitraum der letzten zehn Jahre in einer „Skulptur öffentlichen Interesses“ archiviert. In bewußter Anlehnung an die biblische Bundeslade fungiert diese Ansammlung von Manifesten, Abhandlungen, Konzepten und Pamphleten als überliefernswerter Erkenntnisspeicher. Diese „Schwarze Lade“ steht für den Künstler diametral zu einer anderen Skulptur solch öffentlichen Interesses mit dem Titel „Das Paradies“. Diese Arbeit hatte Nieslony aus dem Tisch als kommunikativer Begegnungsstätte entwickelt; ein gemeinschaftstiftendes Moment, das vom christlichen Abendmahl bis zum heutigen profanen Arbeitsessen reicht. Zum Teil flossen auch Ergebnisse aus solchen „Tischsituationen“ in die „Schwarze Lade“ ein.

Ausstellungsräume werden in eine öffentliche Bibliothek verwandelt, um die Kraft der hier dokumentierten Ideen jedermann zugänglich zu machen. Kein bloßes Konsumangebot an den Betrachter, sondern eine Einladung zum gedankenversunkenen Studium der Briefe, Fotos, Gedichte, Videotapes, Objekte, der Relikte und Protokolle von „offenen Arbeitssituationen“, die zum Teil als mehrwöchige Dauerperformances in öffentlichen und privaten Kunsträumen stattfanden.

Es geht um „Begriffsarbeit“. Da wird „Werkzeug“ als „jede individuelle Eigenschaft“ und „Thema einer Verpflichtung“ definiert, „Panorama“ sei wichtig, um sich auf einen Punkt hin zu bewegen, und „Krieg“ erscheint hier als „Interaktionsform“ und „Form des Tausches“, die Vernichtung und Moral ausschließe. Trotz des säuberlich angeordneten Registers nach den einzelnen individuellen Beiträgen, kollektiven Projekten und nach Stichworten wie „Gold“, „Macht“ oder „Alchemie des Alltags“, dürften es künftige Historiker mit diesem „BrainTrust“ nicht einfach…

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