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Ausstellungen: Frankfurt a.M. · S. 246 - 247
Ausstellungen: Frankfurt a.M. , 1988

Christian Huther
Roy Lichtenstein

Die Zeichnungen 1961 -1986
Schirn Kunsthalle Frankfurt, 12.3. -1.5.1988

Die Pop-art war von je umstritten. Dabei war sie mehr als bloße Hommage an den Konsum, eher schon ironische Randnotiz; zur Allegorie der Wegwerfgesellschaft wurde sie nur stilisiert. Das Spiel mit dem Klischee wurde allerdings rasch langweilig, führte zu Standardisierung und endlosen Wiederholungen. Roy Lichtenstein hat aus diesem Spiel ein konstruktives Prinzip entwickelt. Was er in den 60er Jahren mit Comics erprobte, exerzierte er inzwischen durch die moderne Kunstgeschichte – bis zum abstrakten Expressionismus. Die Motive der klassischen Moderne reduzierte er auf die Grundformen und zerlegte sie in abgezirkelte Farbfelder samt der unvermeidlichen Rasterpunkte.

Der 65jährige Maler produziert damit Kunst über Kunst, wobei er alle künstlerischen Aussagen auf sein unverwechselbares Zeichensystem reduziert, die Vorlagen teilweise sogar bizarr verzerrt. Seine Handschrift stellt er dabei gerne hintan: „Ich möchte, daß meine Bilder so aussehen, als seien sie im voraus festgelegt.“ Die Frage nach dem „wahren“ Lichtenstein tauchte denn auch bereits des öfteren auf – angesichts seiner seit nahezu 30 Jahren unveränderten Schablonen-Methode kein Wunder.

Die Frankfurter Schirn Kunsthalle zeigte nun als einzige deutsche Station einen Rückblick auf Lichtensteins zeichnerisches Werk von 1961-1986. Die Schau mit rund 300 Zeichnungen, einem Dutzend Collagen, einigen Gemälden und einer Plastik startete im vergangenen Jahr im New Yorker Museum of Modern Art und ist seither auf Welttournee. Zuletzt waren 1982 in der Kölner Kunsthalle zwar 120 Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen zu sehen, sie stammten aber allesamt aus der Zeit von 1970 bis 1980. Die jetzige Retrospektive dagegen bietet einen nahezu lückenlosen Überblick, setzt sie doch mit dem Jahr 1961 ein, das Lichtenstein als Zäsur ansieht. Zuvor hatte er sich einige Jahre und mehr schlecht als recht mit den Themen Mittelalter und Wilder Westen herumgeschlagen, bis er sich um 1957 dem abstrakten Expressionismus zuwandte. Von diesen frühen Malweisen will Lichtenstein heute nichts mehr wissen und klammert sie bei jeder Exposition seiner Arbeiten aus. Erst nach 1957 tauchen die ersten Comicfiguren auf; folgt man der Legendenbildung, wollte er damit ursprünglich nur seinen Kindern eine Freude machen.

Die Zeichnungen, vom Kleinst- bis zum Großformat reichend, dienen ihm zur Vorbereitung seiner Gemäldemotive. Lichtenstein vergrößert später die Zeichnungen auf das Bildformat; was in der Zeichnung sehr gedrängt auftaucht, löst sich dann im großzügiger dimensionierten Gemälde auf. Das Konvolut von 300 Entwürfen ist zwar im langen Galerietrakt der Schirn durch großzügige Kabinette geschickt unterteilt, Lichtensteins Wandlungen wirken aber dennoch etwas ermüdend ausgebreitet. Spannend wird es erst, wenn man sieht, wie sich das einzelne Motiv im Laufe der Erprobung verändert. Aber dazu muß man ein guter Kenner der Materie sein.

Lichtenstein ist ein eher untypischer Zeichner. Um ein gleichmäßiges Rasterschema zu erzielen, verwendet er ähnlich wie beim Siebdruck eine feine Matrize, durch die er Graphit streut. Auch der Frottage-Technik bedient er sich zuweilen. Spontaneität ist ihm fremd, seine Techniken sind meist recht zeitaufwendig. Mit dem Farbstift kennt er nur den ruhigen Strich, feine Schraffuren und sanfte Töne. Gegenüber den Gemälden fehlen damit nur noch die exakt ausgemalten Flächen und die reinen Farben.

In den Zeichnungen, wie die Gemälde in Serie entworfen, finden sich somit die altbekannten Motive: Comic strips, dann die Hinwendung zur Kunst von Monet, Matisse, Picasso und der anderen Ismen-Protagonisten, die Serien der „Pinselstriche“ und „Künstlerateliers“, schließlich die Wandgemälde. Die „Pinselstrich“-Bilder tauchen gleich zweifach im Werk Lichtensteins auf, Mitte der 60er Jahre und dann noch einmal in den 80er Jahren. Anfänglich parodierte er, in einem langwierigen Herstellungsprozeß, die spontanen Farbkleckse des Action painting, später war nicht mehr der Pinsel der Bildinhalt, sondern dessen Funktion zur abstrakten Darstellung von Figuren und Landschaften.

Vor einigen Jahren entdeckte er, daß sich sein Collagestil bestens für Wandgemälde eignet. 1985 kommt nach den Parodien sogar die Parodie auf sich selbst. Bei dem 22 Meter hohen und 10 Meter breiten Wandgemälde „Mauer mit blauem Pinselstrich“ – in Frankfurt mit einigen Entwürfen vertreten – löscht eine Hand mit einem Schwamm Lichtensteins gängige Motive aus.

Der hervorragend gedruckte Katalog (im Hirmer Verlag erschienen, 78 DM) löst den Berliner Ausstellungsband von 1975 ab, als sich Wieland Schmied auf Lichtensteins zeichnerisches Werk konzentrierte.