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Titel: Kunst und Geld · von Jürgen Raap · S. 183 - 183
Titel: Kunst und Geld , 2000

Petrus Wandrey:
Notenopfer

Auf einem Podest erhob sich ein kiloschweres Brikett aus eintausend geschredderten Geldscheinen im ursprünglichen Wert von 50.000 Mark. Zum 50. Geburtstag der DM zelebrierte der Hamburger Künstler Petrus Wandrey in Zusammenarbeit mit der Galerie Lutz Teutloff (Bielefeld) auf der Berliner „art forum“-Messe ein „Notenopfer“. In einer Auflage von 1.000 Stück wurden diese Geldbriketts als Multiple angeboten.

„‚Notenopfer‘ ist gleichzeitig Mahnmal und Denkmal, und seine Form erinnert nicht ganz zufällig an die eines Grabsteins“, erklärte Prof. David Galloway in seiner Eröffnungsansprache1. Gerade den Deutschen fiele es besonders schwer, ihre nationale Währung zugunsten des EURO zu opfern, denn die Währungsreform 1948 habe „einen Fixpunkt in einem Meer von Veränderungen“ geboten: „Über Nacht ersetzte die D-Mark ,Lucky Strike‘ als Maß aller Dinge und tilgte den Großteil von Deutschlands horrenden Kriegsschulden.“2

Beim Opferritual gibt man etwas unwiederbringlich her, aber man erhofft sich dafür eine „Gegenleistung“ durch die Schicksalsmächte – das Seelenheil, eine besondere Gnade, Abwendung von Unbill, Gesundheit, Glück, Erfüllung konkreter Wünsche. Im Falle des DM-Opfers besteht diese Gegenleistung im Umlauf einer neuen Währung, von der man sich die gleiche Stabilität erhofft wie sie die DM hatte. Ob sich diese Hoffnung erfüllt oder nicht, ist freilich keine Angelegenheit göttlicher Laune, ist erst recht keine Angelegenheit magischer Beschwörung, sondern Sache exekutiver Haushaltsdisziplin und anderer rational fassbarer Faktoren.

In Wandreys Geldbriketts sind diese Wünsche an die Vernunft der Politiker und an eine glückliche Wirtschaftsentwicklung sichtbar konserviert. Seine Opferbriketts bestehen somit nicht nur aus entwerteter papierner Materie, sondern gleichzeitig auch aus den geistigen, sozialen und emotionalen Werten, die sich…

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